Komandanti i Kopshtit (#5)

Ich sagte nicht sofort ja, ich sagte: „Zonjë Theodora, mit dem Haus… das weiß ich noch nicht, aber ich kümmere mich gerne um den Garten!“ Lola antwortete fröhlich: „Na gut, dann bist du jetzt Kommandant des Gartens!” (Komandanti i Kopshtit) und überließ mir die Schlüssel.

Ich hielt das Haus für unbewohnbar und hatte keine Ahnung, womit und ob ich überhaupt mit etwas anfangen sollte. Im Garten aber könnte ich mein Zelt aufstellen und hätte ein Basislager für den Sommer. Dann konnte ich immer noch sehen.

Ich hatte ursprünglich gar nicht geplant, länger als den Monat, für den ich oben an der Straße ein Apartment angemietet hatte, im Dorf zu bleiben. Ich hatte gar keinen Plan außer jenem, mich das Jahr über wiederholt in Albanien aufzuhalten und über das Land zu schreiben.

Letztlich habe ich das Zelt nie aufgestellt. Anfangs ging ich hinunter, öffnete das Tor und brachte Schritt für Schritt Garten und Terrasse so in Ordnung, dass man sich darin aufhalten konnte. Ich reparierte den alten, großen Küchentisch und stellte ihn unter dem sprießenden Rebdach auf, sodass ich einen Platz hatte: neben dem Apartment, dem Stuhl im Café und dem Strand einen weiteren, eigenen Ort.

Erst als mein Abreisetermin nahte (ich musste auf ein paar Tage nach Deutschland) schlief ich erstmals im Haus: im zweiten Stock, auf einer Luftmatratze und unter einer kunstvollen Kassettendecke. Die Fenster nach vorne waren mit morschen Läden geschlossen, nicht aber mit Metall verblendet, sodass ich sie öffnen konnte. Nachts sah man weit draußen die Fähren zwischen Korfu und Bari vorüberziehen. Ich schlief gut, das Haus war ruhig, keine komischen Geräusche, nichts Unangenehmes. Manchmal haben verlassene Häuser ein beunruhigende Atmosphäre, etwas stimmt nicht und die Vergangenheit ist noch nicht ganz ausgezogen. Dies war nicht der Fall, das Haus war gut.

Als ich aus Deutschland zurück kam, brachte ich eine riesige Sporttasche voller Werkzeug und Material mit: Schraubenzieher, Hammer, Seitenschneider, Nägel, Fugenkitt, ein paar Farbdosen. Noch wusste ich ja nicht einmal, wo ich vor Ort all dies unkompliziert hätte einkaufen können, einen Baumarkt gibt es in Saranda und ganz Südalbanien nicht.

Vieles wusste ich nicht, vieles kam erst mit der Zeit, mit der Erfahrung: auch das Wissen darum, das Fenster und Türen in Lukova traditionell grün gestrichen werden. Und nicht Taubenblau wie auf meinen Importdosen stand. Ich zeigte Lola meinen Vorrat, auch um ihr klarzumachen, was ich im Einzelnen vorhatte – zum Beispiel die Drähte kappen – das geht mit Anschauungsmaterial um einiges leichter.

Lola zeigte sich vergnügt ob meines Entschlusses, erweiterte flugs meine Kompetenzen um die eines Komandanti i shtëpisë, also um den Bereich des Hauses. Von dem ursprünglich mal vereinbarten Pauschalbetrag, den wir besprochen hatten, sollte ich tatsächlich die Saison im Haus verbringen, wollte sie nichts mehr wissen. Sie schob meine Hand mit den grünen Scheinen barsch beiseite, deutete auf die Dosen taubenblauer Farbe und meinte, das wäre ja wohl ausreichend.

Ich zog also ein, eine andere Unterkunft hatte ich nicht mehr, mein Leben im Haus über dem Meer hatte begonnen.

Was genau sich Lola bei all dem gedacht hatte, weiß ich nicht. Aber ich glaube, nicht viel mehr als ich. Wir probierten etwas aus, spielten ein Gesellschaftsspiel. Häufig würde ich sie in den kommenden Wochen und Monaten auf dem Weg zum Haus besuchen, Brot vom Dorfladen mitbringen, mit ihr auf der Terrasse sitzen, die Pflaumenbäume abernten. Und Lola würde mir ihre Geschichten ein ums andere mal neu erzählen – was so gar nichts schadet, wenn man kaum Albanisch kann.

 

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