Augen für die Welt (#7)

Lumra Plazhi Lukove

Mein Zelt landete unten am Lumra-Strand statt im Garten, bei Gjergjis Taverne. Lumra liegt direkt unterhalb des alten Dorfes, nur 20 Minuten durch die Olivenhaine und man ist dort: ein üppig bewachsener und nahezu unerschlossener Strandabschnitt, der für Fahrzeuge lediglich über eine abenteuerliche Piste zugänglich ist.

Taverne Old Anchor Luma

Mit Gjergji hatte ich mich schon angefreundet, als ich noch im Apartment an der Straße wohnte, ich hatte ihn getroffen, als er gerade die Taverne für die Saison vorbereitete und war anschließend regelmäßig dort. Jetzt bot er mir an, bei ihm das Zelt aufzuschlagen. Und er warnte mich vor dem Haus und vor Verstrickungen im Dorf, ohne dabei jedoch allzu konkret zu werden.: „I don’t like the village, i prefer here.“

Der Strand als zweiter Standort war perfekt, denn so konnte ich zwischen beidem wechseln: Hauseinsamkeit und Strandgesellschaft, Baustelle und Abwechslung. Wenn mir das Haus nach ein paar Tagen zu viel wurde, ging ich hinunter. Sobald Raki-Gelage und Beschallung überhand nahmen, zog ich mich ein paar Tage ins Dorf zurück. So konnte ich meine Aufgaben schrittweise angehen, statt überwältigt davor zu stehen.

Ich hatte kaum Geld, kam also schon deswegen nicht erst auf die Idee, massive Veränderungen am Haus vorzunehmen. Den Boden im ersten Stock, wo ich Station bezogen hatte, wollte ich lasieren, das Holz war am verdursten. Und mir schien, ich konnte die vier Fenster nach vorne retten. Zahlreiche Scheiben waren zersprungen, Rahmen und Flügel jedoch weitgehend intakt. Mit Leim, Kitt und Farbe könnte man sie retten, um neue Scheiben einzusetzen.

Gjerji fuhr ein- oder zweimal wöchentlich mit dem Pick-up nach Saranda, um für die Taverne einzukaufen. Nicht etwa in einem Großhandel, sondern an gut einem halben Dutzend Stationen. Ich fuhr mit und brachte in Erfahrung, wo man Werkzeug und Material bekam.

Lasur war schnell gefunden, mit den Scheiben gab es Probleme: Ich benötigte äußerst dünnes Glas für die acht Kasten pro Fenster. Gjergji kannte natürlich die Anlaufstationen, die sich, wie in Albanien üblich, äußerst diskret und ohne aufdringliches Schild irgendwo in Höfen und hinter Rolläden verbergen. Die Öffnungszeiten werden der Öffentlichkeit ebenfalls weitgehend verschwiegen, man muss mit Näherungswerten arbeiten.

Der Glaser, den wir beim ersten Mal aufsuchten, hatte zu. „Fuckitt, ist ja Sonntag!“ sagte Gjergji, weil uns das bis dahin gar nicht bewusst war. Kleine Familien- oder Ein-Mann-Betriebe schließen schonmal Sonntags, wenngleich das nicht durch die Bank der Fall ist. Beim nächsten Mal hatte der Betrieb zwar offen, nicht aber dünnwandiges Glas vorrätig und konnte auch keines besorgen.

Saranda Südalbanien Hafenstadt Fähre nach Korfu

Saranda

Deswegen steuerten wir beim übernächsten Mal einen anderen, ebenfalls bestens in alten kommunistischen Lagerhallen hinter dem Stadion verborgenen Großglaser an, der versprach, die Scheiben zu besorgen. Das tat er auch, wartete jedoch mit dem Beschnitt auf unser neuerliches Vorsprechen. Zeit, dies abzuwarten, hatte wiederum Gjergji nicht, der musste zurück zur Taverne, Zeltgäste hatten sich angekündigt und wollten im Dorfzentrum aufgelesen werden. Bei der fünften Fahrt war ich gar nicht dabei, aber Gjergji las die Scheiben für mich auf und deponierte sie oben im Dorf bei Ellis Kiosk. Von dort waren es nur noch 150 Höhenmeter hinunter zum Haus, das geringste Problem für mich, den großen Rucksack und 20 kleine Scheiben. Vier mehr als eigentlich notwendig, man weiß ja nie.

Fenster auf die Ionische See Albanien Haus am Meer

Fast einen ganzen Monat hatte das gedauert. Die eigentliche Arbeit war dann binnen eines Tages erledigt. Die Fenster waren gestrichen (taubenblau), die Scheiben eingesetzt und verkittet. Drei von vier Fenstern öffneten und schloßen prächtig, das vierte musste ich fixieren, es war zu altersschwach, um samt der Last von Glasscheiben bewegt zu werden. Die völlig morschen Fensterläden hatte ich zuvor schon entfernt. Mit einem Wort: Das Haus konnte wieder sehen. Ein großer Tag für mich, ein kleiner für die Menschheit.

Was ich bis heute jedoch nicht begreife, warum ich in tatsächlich den mitgebrachten Fensterkitt benutzt hatte und nicht einfach Silikon eingesetzt hatte. Einfach, billiger und angesichts des Meeresklimas sinnvoller. Ein Jahr später würde ich genau das nachholen, die Fenster halten bis heute.

 

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