Die Sache mit den Ringen

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Szenenwechsel. Nürnberg. Die fränkischen Großeltern.

Jahre vor seinem Tod bat mein Großvater, den Stapel Briefe vernichten zu dürfen. Das ginge doch niemanden etwas an. Meine Oma protestierte zunächst. Er aber gab nicht nach und sie ließ ihn schließlich gewähren. Eines Tages stand er aus dem Sessel auf, nahm das verschnürte Päckchen aus der Schublade, ging zum Ofen und verbrannte die Feldpostkarten, die getippten Nachrichten und engbeschriebenen, dünnen Blätter. Nach und nach übergab er dem Feuer Briefe, Nachrichten, Lebenszeichen, die er und seine Verlobte, später seine Frau, während Krieg und Kriegsgefangenschaft ausgetauscht hatten.

Fachwerkhäuser und Barockbauten, eine der Kirchen sogar von Balthasar Neumann. Obstgärten. Weinberge. Der träge, tiefe Fluss und die Brücke aus dem 14. Jahrhundert. Kitzingen, eine fränkische Kleinstadtidylle am Main.
Dort ist sie aufgewachsen und dort ist sie zur Schule gegangen. Die einzige Schwester ist der Schule schon entwachsen, Vera das Nesthäkchen, die Kleine.
„Eine schöne Jugend!“ sagt sie und erzählt vom Garten, den Beeten, den Hühnern und Stallhasen. Sie erzählt von ihrem Vater, dem Eisenbahner. Dem Vater, der es nicht leiden konnte, wenn die Mütter mit den Kindern schimpften; grundsätzlich ergriff er Partei für das Kind und schimpfte mit den Erwachsenen. Seinen Kindern war dies wiederum peinlich und deshalb hielten sie beim Spazierengehen Abstand, gingen ein paar Schritte hinter ihm her.
Seine linke Hand ist im ersten Weltkrieg zerschmettert worden, das Bein durch einen Streifschuss in Mitleidenschaft gezogen. Bei der Reichsbahn findet er Anstellung, erwirbt sich Ansehen und wird bald darauf befördert. Er arbeitet im Sitzen, Verwaltungstätigkeit, eine große Erleichterung. Die Eisenbahnerwohnung mit dem Garten ist ein Privileg, ein großer Schritt. Er führt eine harmonische Ehe, ein ruhiges Leben.

Begegnet seien sie sich zum ersten Mal bei Bekannten, Kaffee und Kuchen hätte es gegeben. Und sympathisch wären sie sich sofort gewesen. „Da haben wir uns halt gesagt, gehen wir mal miteinander fort. Und das haben wir dann auch gemacht und das ist dann auch so geblieben.“ In die Wälder und Wiesen seien sie gegangen, auf der alten Mainbrücke hätten sie gestanden. Nach Dienstschluss hätte er sie abgeholt und gegen neun nach Hause gebracht. Immer wieder, den ganzen schönen Sommer 1938 lang. „Ein herrliches Jahr, unser schönstes!“

Auch Vera arbeitete bei der Reichsbahn und stellte die Gehaltslisten zusammen. Ausgezahlt wurde einmal die Woche, viel war es nicht. Manchmal schämte sie sich, berichtet sie heute, denn auch ihr eigener Name wäre aufgeführt gewesen und dahinter ein Betrag, der um weniges höher war, als die 25 Reichsmark der Arbeiter. Die aber wären doch verheiratet gewesen, die aber hätten doch Familie gehabt.
Von Januar 1939 an, erzählt sie, seien Siegfried und sie fest miteinander gegangen.
– Was das hieße?
– Naja, man habe halt ein Verhältnis gehabt. Man wäre von da an eben zusammen gewesen.

„Ich frier immer so an die Finger“sagt ihm die Neunzehnjährige. Vielleicht einmal zu oft, damit der Bursche auch versteht. Und er verstand, er stimmte der Verlobung zu. Aber vorab durfte keiner was erfahren, keiner sollte es wissen, da waren sie sich einig.

Dann wurde es Feiertag, der Tag der Arbeit kam, der erste Mai 1939. Die frühe Sonne versprach einen strahlenden Tag. Eigentlich hätte sie zur Parade gemusst, zum Aufmarsch. Vera aber nahm sich die Freiheit und fuhr nach Nürnberg, traf sich dort mit Siegfried. Wie verabredet gingen beide gemeinsam zum Goldhändler Bräutigam und erstanden zwei „windige, schmale Ringe“ wie sie sagt. Noch am selben Tag verlobten sie sich in geheimer Zeremonie. Nach Erlenstegen sind sie, auf den Plattnersberg, der damals noch bewaldet war und fern der Stadt. Dort blickten sie auf das herrliche Wetter und steckten sich die Ringe an. Ich weiß nicht zu berichten, was sie sich sagten, welche Worte fielen und ob überhaupt gesprochen wurde. Niemand war eingeweiht, niemand war Zeuge, nur der leichte Wind in den Bäumen, der hörte zu. Anschließend gingen sie zum Bäcker und kauften ein paar Kuchenstücke. Dann suchten sie Siegfrieds Mutter auf und machten die Sache offiziell.
Anderntags wird Vera vom Bahnhofsvorstand schwer gerüffelt, weil sie nicht auf den Maifeiern war. „Ich konnt nicht!“ erwidert sie und zeigt den Ringfinger vor.

Mit Ausbruch des Krieges wurde mein Großvater eingezogen. Während eines Heimaturlaubs wurde die Hochzeit erledigt. Es war eine Formalie und vom Krieg bestimmt. Die windigen Ringe aber überdauerten und wurden erst zur silbernen Hochzeit durch solidere ersetzt.

Irgendwann sagt meine Oma unvermittelt, ohne dass ich gefragt hätte: „Ich würd ihn wieder nehmen. Wirklich.“

 

 

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