Swanetien: Aufgeben als Tugend

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Erfahrung ist nichts was man hat, Erfahrung erwirbt man sich immer wieder und immer neu. Der Hannes hat ja unlängst am Zirbitzkogel irgendwann seine Schneeschuh ausgezogen und ist mit Ketten an den Wanderschuhen weitergelaufen. Ging auch. Jetzt in Georgien – genauer: in Swanetien am Hauptzug des Kaukasus – hatte ich mir tags zuvor den Anstieg zu den Flanken des Ushba genau angesehen. Von gegenüber, vom kleinen Skigebiet aus. Und was sich da gut sichtbar an den Hängen hoch schlängelt, das ähnelt ein bisschen den Maultierpfaden in Marokko, so schien mir. „Kein Problem, drei Stunden, dann stehst du auf dem ersten Vorgipfel und blickst zur einen Seite ins Tal, zur anderen dem Ushba ins Auge.“, das dachte ich. Um Schneeschuhe hatte ich mich noch nicht einmal gekümmert. Schwerer Fehler.

Mestia, die alte Stadt mit den Wehrtürmen

Mestia, die alte Stadt mit den Wehrtürmen

Das Wetter, ein Phänomen: So magisch blau der Himmel, so beißend-heiß die nahe Sonne. Noch in der alten Stadt bei den Wehrtürmen traf ich drei Tourenskifahrer, die hinauf wollten und auf der Nordostflanke hinab. Diese läge im Schatten und wäre damit gut befahrbar. Anfangs war ich mit meinen Wanderschuhen klar im Vorteil. Die drei hatten ihre Ski an den Rucksack geschnallt und mühten sich mit den Skischuhen durch eine Mischung aus Schmelzwasser, Kuhscheiße und Altschnee. Nachdem wir weiter oben aber angehalten, sie die Felle auf die Ski und ich meine Ketten auf die Schuhe gezogen hatten, weil der Weg nunmehr komplett unter Schnee lag, zog ich den Kürzeren.

Einer der Tourenski-Kollegen, im Hintergrund zu sehen der Tednuldi, 4920m

Einer der Tourenski-Kollegen, im Hintergrund zu sehen der Tednuldi, 4920m

Durch zwei kleinere Schneefelder mussten wir, die ins Rutschen geraten waren ob der milden Tagestemperaturen, dem nahen Frühling, und dann steiler bergan: Mit den Tourenski mühe- und gefahrlos machbar, nicht aber mit Wanderstiefeln. Je höher wir kamen, umso häufiger brach ich ein. Meist knietief, aber beim Durchqueren eines Bachlaufs schonmal bis fast zur Hüfte. Die Kraftanstrengung, die mit solcherlei einhergeht ist die eine Sache, die andere ist die Unsicherheit beim Trittsetzen, die Art und Weise wie es einem die Beine und die Füße verdreht. Die Skifahrer zogen voran, ich hielt mich an deren Spur. Aber das half nur wenig.

Auch am Toubkal im hohen Atlas habe ich damals aufgegeben, mitten im Anstieg zum Pass hinüber nach Süden, auf ungefähr 3450 Metern. Aber damals war das anders. Damals hatte ich veritable Steigeisen dabei, war durch das gesamte Hochplateau durch, ging im harten Firnschnee Kehre um Kehre nach oben, wusste, dass ich ganz allein war, dass niemand hinter oder vor mir ging. Das Wetter war hart, weil windig, die Steigeisen hielten nicht recht, verrutschten immer wieder, mich irritierte in der Totenstille das Rasseln, das von meiner Wasserflasche ausging, deren Inhalt langsam gefror. Bevor es im Schatten der Wand steil hinüber ging ergriff mich eine animalische Angst. Diese kam nicht aus dem Kopf, entsprang nicht der Vorstellungskraft, war keine Panik, sondern war das Tier in mir, das sich weigerte weiterzugehen, weil es unkalkulierbar werden würde, in so dünner Luft. Kaum hundert Meter Strecke am steilen Abhang hielt ich das durch, dann besann ich mich, blieb minutenlang stehen und drehte schließlich um – nicht ohne mindestens eine halbe Stunde lang mit diesem Entschluss zu hadern. Keine hundert Höhenmeter und ich hätte vielleicht hinunter blicken können bis in die Ausläufer der Sahara! Erst später, nachdem ich zurück war in der Neltnerhütte, wurde mir klar, dass dies der einzig vernünftige Entschluss gewesen war.

Der Ushba in voller Größe (4710m) von gegenüber

Der Ushba in voller Größe (4710m) von gegenüber

Dem war den Flanken des Ushba nicht so, animalische Angst blieb aus. Willen ist sicherlich die Größe, aufgrund der man überhaupt weitergeht. Und ich begann irgendwann mit mir zu handeln: Es geht bergauf, der Schnee müsste doch fester werden (wurde er nicht). Nach der nächsten Kehre müsste der Ushba doch in Sicht kommen (tat er nicht). Nach der übernächsten Kehre, dem nächsten Anstieg, dann doch aber! Mindestens eine halbe Stunde lang habe ich so mit mir diskutiert, bin wider besseren Wissens weiter, um schließlich doch umzukehren. Keine Wahl mehr, jeder dritte Schritt landete im Nichts. Wenn ich jetzt nicht umkehrte, dann würde der Abstieg unkalkulierbar, zumal die starke Sonne den Schnee weiter aufgeweicht haben würde.

Ich sollte Recht behalten, der Abstieg war nicht lustig, zumindest nicht das erste Drittel. Die Sonne hatte den Schnee mürbe gemacht und bergab fällt man mit mehr Gewicht in den Schritt als bergauf. Unheimlich wird es, wenn selbst die Hand, mit der man sich stützen möchte, im Schnee versinkt und der nächste Schritt ähnlich akrobatisch gemeistert werden will. Aber ich wiederhole mich: Es ist nicht die Kraftanstrengung, es ist die Scheiß-Unsicherheit: Man setzt den nächsten Schritt und weiß nicht, ob der stand hält. Man geht fünfzig Meter ohne Probleme und muss sich dann wieder Meter um Meter vorarbeiten, ohne zu wissen, wie und wann man Tritt fast.

Der Ushba so nah, wie ich ihm gekommen bin

Der Ushba so nah, wie ich ihm gekommen bin

Vielleicht ist Aufgeben ja eine Tugend. Am Berg auf jeden Fall, vielleicht auch im Leben allgemein und mag sein in der Liebe. Am Berg jedenfalls bin ich klüger. Und genau genommen ist Umkehr ja auch kein Aufgeben. Ein Ziel kann man aufgeben, weil die Wirklichkeit eine andere ist als die, die man vorsah. Beim Umkehren passt man das Ziel halt der Wirklichkeit an. Das ist mitunter nicht das Allerdümmste.

 

PS.: „Ushba“ ist ürbigens Georgisch und setzt sich zusammen aus -ba für Berg, und ush- für schrecklich. Schrecklicher Berg, so einfach ist das. Die Swanen bleiben eh lieber im Tal, beim Auto.

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