Thessaloniki: Krise, Leben und Betrug

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Ich sitze im Hafenviertel von Thessaloniki, im vierten Stockwerk eines Hotels, das zu den günstigsten zählt und dennoch in einem Prachtbau untergebracht ist. Die Zimmer sind zweckmäßig aber groß, Dusche und Toilette befinden sich auf dem langen Flur. Der Raum ist gefließt, draußen brummt die Stadt. Ich habe kaum Licht, dafür aber Ruhe und ich lasse das Neonlicht über dem kleinen Waschbecken den ganzen Tag brennen. Ich komme mir vor wie der Protagonist in einem Roman von Jörg Fauser.

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Ich wollte nie über Griechenland schreiben, ich habe auf Kreta vor ein paar Jahren noch nicht einmal Notizen gemacht. Über Griechenland zu schreiben, das hätte automatisch ein Schweigen über so viele Verbrechen eingeschlossen, dass ich es gleich ganz sein lies. Obwohl ich letztes Jahr auf Korfu war, als die Mehrwertsteuer erhöht wurde und gesehen habe, was das mit den Preisen gemacht hat. Auch in Thessaloniki staune ich über die Lebensmittelpreise, es ist ungeheuerlich. Genauso ungeheuerlich wie die über Jahre ausbleibende Solidarität und Hilfe in Sachen Flüchtlingskrise. So absurd, wie die Diskussionen über die „Hilfspakete“, welche dem griechischen Staat regelmäßig geschnürt wurden.

Die Wahrheit ist kurz und erbärmlich: es sind keine Hilfen, es sind Schulden, die Griechenland macht, um ältere Schulden weiter bedienen zu können. Es ist Geld, das direkt an die Banken fließt. An Banken, die Kredite vergeben haben, unter anderem, um es Griechenland zu ermöglichen, deutsche Waffensysteme anzukaufen. Niemand hat Griechenland geholfen aber alle haben es so aussehen lassen. Nichts von diesen „Hilfen“ galt der Bevölkerung. Im Gegenteil: die Auflagen, die zur Sicherung der Refinanzierung gemacht wurden, hatten sinkende Produktivität zur Folge. Sie führten zur Verarmung ganzer Schichten, zur Schließung von Fabriken, zur Kappung von Löhnen, Gehältern und Renten.

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Thessaloniki ist eine wilde, eine ungebändigte, bunte und lebendige Stadt, durchsetzt mit architektonischen Perlen, die man aber erst suchen muss. Die Innenstadt vibriert vor Leben, kleine Geschäfte haben eröffnet, die Bars sind voll und der Verkehr tost. Ich fühle mich ein bisschen an Berlin erinnert, denn auch dort waren es die Krisenjahre, das Wegsterben von Gewissheiten, das letztlich zu Vitalität geführt hatte, zum Experiment und zum Wildwuchs. Enzensberger hat das irgendwo notiert, ich erinnere mich nicht an den Wortlaut: Dass das Bemerkenswerteste am Menschen das Weitermachen sei, das Wiederaufstehen, das Sicheinrichten, das Dennoch und Trotzdem.

Gestern aber bin ich entlang der Egnatia meilenweit zum Busbahnhof spaziert, um ein Ticket nach Kavala zu erstehen. Die Ausfallstraße ist ein Schlachtfeld, jedes zweite Geschäft wurde aufgegeben, ganze Gebäudekomplexe verrotten. Stattdessen aber hat ein Lidl eröffnet, ganz neu und vergleichsweise schick. Im Park davor wird kampiert, ein Bettler schiebt sich im Rollstuhl bei Rotlicht durch die Autoreihen.

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Ich glaube, wir haben uns unfreiwillig entsolidarisieren lassen. Wenn sich jeder selbst der nächste ist, dann ist an alle gedacht. Über Jahre hat man uns beigebracht, dass alles machbar sei, dass man alles schaffen kann, wenn man nur will. Das Problem ist nur, dass das nicht wahr ist. Es gibt ganz klare Grenzen im Leben und niemand, der während der griechischen Krise Arbeit und Wohnung verloren hat und dem acht Jahre später die Zähne verfault sind, wird je wieder Fuß fassen. Wir sind zu einer Gesellschaft geworden, die ihre Kranken, Bedürftigen und Alten links liegen lässt, wegräumt, verbannt. Und wir haben verlernt zu benennen, dass es Profiteure der Krise gibt. In Deutschland wie in Griechenland. Eigentum sei Diebstahl, so hat das Marx formuliert. Die Hilfen für Griechenland waren Betrug. Das Land wurde verkauft. Wir müssten nur die Besitzer fragen, die Eigentümer von Schuldtiteln und Konzessionen, von Aktienmehrheiten und Anteilen an ehemaligen Staatskonzernen.

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