Vlora: Thunfisch und Touristen

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Wir sitzen in der Bucht von Vlora, Andrian hat eine Unmenge Thunfisch gekauft, um sie im Kühlbehälter zurück nach Tirana zu transportieren. Baçi, der Fischer, bittet uns zu Tisch und gibt uns wilde Austern zu probieren. Sein Kutter liegt auf dem Trockendock und wird in den nächsten Tagen neu gestrichen werden. Der letzte Fang müsse eine Weile ausreichen, zwei Thunfische seien ihm ins Netz gegangen.

Einer hängt schon skelettiert vom Dach des Wellblechschuppens, der andere ist bereits zur Hälfte filetiert und verkauft worden. Das tote Tier mit seinen fast zwei Metern Länge ist so mächtig, dass ich es nicht gewagt habe, mir ein Stück davon zu erbitten. Stattdessen habe ich eine Handvoll Venusmuscheln und Garnelen erstanden.

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Andrian hatte ich letztes Jahr in Tirana kennengelernt und er mich eingeladen , nach Vlora zu kommen. Er würde das nur einmal sagen, aber er hätte dort ein Apartment, das sich sehr gut zum Schreiben eigne…und jetzt hatte er es sich nicht nehmen lassen, mich nach Vlora zu fahren und zumindest einen Tag lang mit mir die Bucht zu erkunden.

Baçi zeigt uns die Stelle, an der sich der Hai in den Thunfisch verbissen hatte. An der Oberfinne sei er gehangen und habe auch dann nicht nachgelassen, als sie ihn mitsamt dem Thunfisch aus dem Wasser geholt hätten. Der tote Haifisch hängt an Stricken aufgespannt unter dem Wellblechdach. Seine weiche, graue Säugetierhaut ist bereits eingefallen und wurde runzelig. Hinter dem Tresen portionieren drei Frauen Andrians Thunfischfilets.
Der Fischer erzählt vom Meer und davon, dass er die Berge ebenso liebe wie die See. Er trägt einen Seemannsbart und über dem glatten, alterslosen Gesicht eine Kapitänsmütze, die nach Faschingsausstattung aussieht.

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Das Licht in der Bucht ist ungemein klar, die See ist glatt, sie leuchtet in hellem Blau und die wilden Austern sind ein Gedicht. Baçi lässt gerade den Raki herumgehen, als zwei Motorradfahrer um die Ecke biegen und ihre Maschinen vor dem Schuppen zum Stehen bringen. Beide sind ganz in Schwarz gekleidet, der eine hat eine GoPro-Kamera auf seinem Helm montiert und bleibt auf dem Motorrad sitzen. Der andere steigt ab, zückt eine Digitalkamera und fotographiert aus ein paar Metern Entfernung die Szenerie: den aufgespannten Haifisch, die herabhängenden, mannshohen Thunfische, den Fischer, Andrian und mich. Kaum sind die Bilder im Kasten, verschwinden sie die Küstenstraße entlang nach Vlora, ohne auch nur ein Wort an uns gerichtet zu haben. Mir ist das unangenehm, obwohl ich eben selbst noch Fotos gemacht habe, und meinen Tischgenossen ebenso. Der Fischer blickt den Motorrädern hinterher und fragt:
– Was sind das für Manieren?

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Was gut sei und was nicht, das käme ganz auf die Art der Entwicklung an, sagt Baçi. Man könne ein Feld nur gleichmäßig pflügen, wenn die beiden Ochsen im Geschirr auch gleich kräftig seien. So gesehen sei es ein Glück, dass der Ausbau des Straßennetzes so langsam vor sich gehe. Noch sei es nicht so weit, aber es sei nur eine Frage der Zeit, bis Reisebusse und -gesellschaften tagtäglich durch die Bucht von Vlora und den Llogarapass hinauf, hinüber an die Riviera führen. Sobald die Infrastruktur und die Logistik geschaffen seien, sei es vorbei mit der Ruhe. Dann würden Charterflüge den Flughafen von Tirana anfliegen, die Pauschalurlauber würden innerhalb weniger Stunden an die südliche Küste transportiert und auf die neuerbauten Hotels mit Swimmingpool verteilt.

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Machen wir uns nichts vor: Der Tourismus wird Albanien verändern. Er wird Albanien verändern, so wie er Griechenland oder Kroatien verändert hat. Der Tourismus bringt Geld und Beschäftigung, beides wird gebraucht und gerne angenommen. Aber genauso wie Griechenland oder Kroatien fern der Touristenrouten unverändert geblieben sind, so wird es auch Albanien bleiben. Der Küstenstreifen, das Schwemmland, die Riviera sowie wenige Wege in die Berge, dies werden die Trassen sein, auf denen sich die meisten Touristen bewegen. Sie werden an dieselben Orte gelangen, dieselben Menschen treffen, sich die gleichen Gedanken machen.

Die wenigsten aber werden nach Peshkopi finden, nach Vermosh oder nach Burrel. Sie werden nur selten die Küstenstraße bei Vlora verlassen, obwohl es innerhalb weniger hundert Höhenmeter ein Ende nimmt mit den Hotels, den Restaurants und Bars. Dort beginnt das Land der Ziegen, schräg am Hang stehen längliche Verschläge, aus allen möglichen Materialien wild zusammengezimmert. Den Verkehr der Küste hört dort man nicht mehr, dafür aber die Rufe der Ziegenhirten, es ist windstill und die Aprilsonne kräftig. Gegenüber, auf der anderen Seite der Bucht erstreckt sich die unbewohnte, wasserlose Halbinsel. Von deren Seeseite würden nachts die Schmuggler über die Straße von Otranto nach Italien aufbrechen, so heißt es. Die Topographie Albaniens erlaubt keine Eroberung, nicht in der Zeit der Osmanen und nicht im Zeitalter der Touristen.

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