In Adjarien: hundert Arten Regen

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Das adjarische Bergland hinter Batumi ist die regenreichste Region Georgiens. Wann immer ich hinauf sah zum Tirala, immer türmten sich dort oben die Wolken und bewegten sich nicht fort. Letztes Mal saß ich in Batumi fest, der Frühlingsanfang hatte mir einen Strich durch die Rechnung gemacht und hinaufzugehen ergab keinen Sinn mehr. Das war diesmal anders, ganz anders.

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Dort oben im Bergland, wo sich die Wolken türmen, liegt der Nationalpark Mtirala. Dort liegt Chakvistavi, welches ein Dorf ist, das aus im schmalen Tal verstreuten kleinen Bauernhäusern besteht, aus einem schicken Informationszentrum am Fluss und einigen dort stationierten Rangern, die nach dem rechten sehen oder es gut sein lassen. Ich traf die Ranger, als sie es gerade gut sein ließen und fragte mich durch zu Tengiz, der in seinem Bauernhaus am Hang Gäste aufnimmt.

Der Tag war diesig, die Berge lagen verschwommen, die Sonne hing hinter einem Schleier, es schien als dampften die Wälder. Von überall her kam Wasser, Rinnsale brachen aus den Hängen hervor, Bäche suchten den Weg zum Fluss. Die Natur war überbordend, reich und verschwenderisch. Ich kam mir vor wie im einem botanischen Garten.

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Der zweite Tag war ganz aus Regen, aus Regen in jeglicher Erscheinungsform. Erst zog ein Gewitter durchs Tal, die Donner fielen krachend herab und rollten an den Hängen entlang. Dann setzte Landregen ein und schließlich ein feiner, leichter Nieselregen, der in Adjarien wahrscheinlich noch zur Luftfeuchtigkeit zählt. Die Wolken waren ein Schauspiel, die zuckerhutförmigen Hügel sahen aus wie auf einem chinesischen Gemälde und Georgien lag auf einmal doch in Asien.

Erst Nachmittags, als der Regen nachgelassen hatte, raffte ich mich zu einem Spaziergang auf und ging einmal bis an das Ende des Tals, dorthin, wo der Weg unwiderruflich aufhörte und nur noch Wald war, undurchdringlicher Regenwald. Die Luft blieb trotz des Regens schwül und dies war der Grund für die Pracht und die ausufernde Natur: Wärme, Licht und Feuchtigkeit zugleich.

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Alles, was lebt, das gibt es dort auch, in Adjarien: den Braunbären, den Luchs und den Otter, den Falken, zahllose Insektenarten, einige sehr groß geraten, und tausend Singvögel. Von Vogelgesang konnte jedoch fast keine Rede mehr sein, es grenzte an Krach. Was es hingegen nicht gibt, ist Internet und Handyempfang.

Tengiz hatte meiner Computernutzung gewisse Grenzen auferlegt, indem er tagtäglich auf mindestens vier Runden Backgammon bestand. Er gewann jedes einzelne Spiel, freute sich aber, als ich zu erkennen begann, dass er diejenigen Züge, die mich vorzeitig in Bedrängnis gebracht hätten, gar nicht ausspielte. Tengiz sprach übrigens russisch und daher kann ich jetzt auf russisch zählen.

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Am dritten Tag, am Tag des vollen Mondes, klarte es auf. Die Sonne stand in großer Pracht, jeder Winkel des Tals war ausgeleuchtet, das Blätterdach begann zu leuchten. Sofort wurde es schwül und heiß zugleich, ein paar Schritte in die Berge und ich war vollständig durchgeschwitzt. Aber was heißt Berge, man läuft durch Kastanienwälder, durch Rhododendron-Buschland und mannshohen Farn, entlang zahlloser Bachläufe und vermooster Felsen.

Irgendwann fiel mir auf, dass mir die Gerüche vertraut vorkamen. Lange wusste ich nicht, warum und woher. Dann fiel es mir doch ein: Es roch wie im Gewächshaus des Nachbarn während meiner frühen Kindheit, dem Onkel Uhing, der ein weitgereister Tropenarzt gewesen war, Riesenmuscheln auf seinem Schreibtisch stehen hatte und eben ein Gewächshaus mit tropischen Pflanzen pflegte – was man so macht im Alter, wenn man die Welt, die man gesehen hat, noch mit sich trägt. Noch bevor ich in die Schule kam, war ich häufig bei ihm. Daran, dass er Geschichten erzählt hätte, kann ich mich nicht erinnern, nur daran, dass er die befremdlichsten Dinge zu Tage beförderte: einen Schildkrötenpanzer, ein altes Gewehr, Seesterne. All dies sah ich bei ihm zum ersten Mal und begriff nichts davon, außer, dass das alles ungemein spannend war. Ich rechne es ihm hoch an, dass er keine Erklärungen abgab, sondern nur zeigte, die Fische in seinem Aquarium, all die Pflanzen seines Gewächshauses: ein weiser Mann.

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Am Abend dann der volle Mond. Und in großer Zahl etwas, was in deutscher Sprache „Glühwürmchen“ genannt wird. Man möge mir glauben, wenn ich sage, dass es in Adjarien keinen Grund für die Verwendung dieses Diminutives gibt.

 

 

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