Thessaloniki II: Der Apparat

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Warum werde ich hier das Jörg-Fauser-Gefühl nicht los? Ich bin nicht der Schneemann, ich sitze auch nicht auf Malta und erst recht nicht mehr in einem billigen Hotel wie noch vor ein paar Wochen. Ich sitze stattdessen mit Dionisis bei einem kühlen Fix-Hellas-Bier in einem Hof der ehemaligen Fix Brauerei. Dionisis hat es sich einfallen lassen, vor fünf Jahren ein erstaunlich großes Areal der Brauerei zu mieten. Gebraut wurde an der Straße des 29. Oktobers bis zum Konkurs im Jahr 1983, mittlerweile wurde die Marke Fix-Hellas vom Anheuser-Busch-Konzern aufgekauft. Im Hintergrund stehen die Kräne des Hafens still, es ist komplett ruhig, nichts wird verladen, nichts verschifft. Dionisis hat Pläne, er ist ein Mann der Ideen und der Tat. Im Weg steht nur die Wirklichkeit.

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Dionisis ist auch ein Freund der klaren Worte und vermutlich bringt er es besser auf den Punkt, als ich es jemals sagen könnte, wenn er spricht:
– They are deliberately killing the market. They are pushing people to close shops down. They are driving them out of the country.
Lassen wir das als Bestandsaufnahme gelten – aber fragen wir uns bei Gelegenheit, wer „they“ ist.
Dionisis spricht komplett nüchtern, ohne jede Bitterkeit. Thessaloniki ist von Natur aus das Tor zum Balkan, das Vardartal führt nach Skopje, von dort geht es bis nach Belgrad und Wien. Dennoch steht alles still. Bis auf Dionisis. Der macht und tut und scheitert. Dann macht er weiter.

Angefangen hat Dionisos mit Recycling. Er hat Müll angenommen und verwertet auf dem Areal im Hafen. Vieles hat er behalten. Eines Tages sei es zu spät geworden, um nach Hause zu fahren. Er hätte dann dort übernachtet. Und sei seitdem geblieben. „Upcycling“ nennt er, was ich als Kraftakt bezeichnen würde: die Gebäude bewohnbar zu machen, Kojen für Gäste einzurichten, einen ganzen Theatersaal auf die Beine zu stellen, eine veritable Bibliothek mit weggeworfenen Büchern zu bestücken. Phänomenal.

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Die Widerstände kommen nicht so sehr aus der Politik, die Widerstände kommen aus dem Verwaltungsapparat: kommen dadurch zustande, dass ein Behördenfürst „Nein“ sagt zu einem Festival, das mit Bürgermeister und Kulturministerium längst abgesprochen war, für das es EU-Gelder gegeben hätte und Voluntäre. Der Behördenfürst hätte ihm gesagt: Bürgermeister kämen und gingen, er selbst aber wäre in zwanzig Jahren immer noch da. Und er würde „Nein“ sagen weil es ihm nicht passen würde, dass dort, wo auch ein paar schicke Nightclubs angesiedelt seien, so etwas stattfände.

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Dionisis ist nicht irgendwer. Er kennt diesen und jenen, soviel habe ich mit bekommen. Das Areal mietet er von seiner Familie, der es gehört. Die aber würden versuchen, jede bauliche Verbesserung dazu verwenden, eine höhere Miete zu verlangen.

Dionisis sagt: Die Korruption sei zu stark und viel zu fein gewebt, als das man sie bekämpfen könnte. Beispielsweise diese „Luxussteuer“ die sie erfunden hätten, um Brüssel und Berlin zu befrieden. In der Theorie alles gut: Wer mehr als ein Haus besitzt, der soll zahlen. Aber: was passiert denn, wenn jemand aus Athen das Haus der Eltern auf der Peloponnes erben würde? Auf einmal hätte der zwei Häuser: eines, das er bewohnt und ein unverkäufliches, altes Objekt irgendwo auf dem Land, um das er sich kümmern müsse. Die Luxussteuer aber würde trotzdem fällig, obwohl der Immobilienmarkt zusammengebrochen sei.

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Oder dieses neue Gesetz, das noch in der Schublade sei, welches die Hühnerhaltung verbieten, genauer: die Hühnerhaltung auf ein Huhn pro Haushalt einschränken würde. Alles andere wäre dann gewerblich, müsste dann angemeldet und Kontrollen unterzogen werden, Steuern desgleichen. Noch sei es in der Schublade, denn es würde einen Aufstand auslösen auf dem Land. Wann der Siedepunkt erreicht sei, das wisse keiner. Der könne sich von einem Tag auf den anderen einstellen. Ob mir klar sei, dass es in Thessaloniki eine Jugendarbeitslosigkeit von 70% gäbe? Die würden doch um ihr Leben betrogen. Ja, was sollten die denn machen, außer einem Aufstand, früher oder später?

Am selben Tag lese ich die Nachricht, die Bundesagentur für Arbeit würde mit 700.000 neuen Jobs rechnen, dieses Jahr in Deutschland. Keine Ahnung, wie man die besetzen soll. Und keine Ahnung, ob die Leute dann auch davon leben können, dass sie arbeiten. Vermutlich werde ich das Jörg-Fauser-Gefühl nicht los, weil die Wirklichkeit so unverschämt im Weg steht. Aufstand, anyone?

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