Thasos: Die Idee einer Insel

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Wie häufig bin ich schon von Skala Prinos nach Kavala übergesetzt? Ich weiß es nicht mehr genau, ich muss durchzählen: Einmal im noch jungen Frühjahr, dann im Frühling, dann im Juni und wieder im August. Viermal also. Jedesmal habe ich auf dieser Fähre sonderbare Gedanken gedacht. Beim ersten Mal saß ich am Heck, blickte auf die entschwindende Insel und dachte: Dort, wo das Leben und das Sterben, das Tagwerk und die Feiertage noch eine ernste Sache sind, von dort will ich nicht weg! Beim zweiten Mal saß ich vorne am Bug, blickte auf das näherkommende Kavala und wusste, dass ich bald wieder zurückkehren würde. Das dritte Mal war nur eine Unterbrechung, ein Ausflug während der größten Hitze, dieses Mal aber ist es ein Aufbruch. Die Wasser sind violett geworden, der Herbst kommt. Diesmal denke ich, dass ich nun nurmehr mittels einer Fähre nach Hause kommen kann: Ich muss auf einer Fähre sein, um das Gefühl zu haben, ich käme an.

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Die Überfahrt dauert knapp eineinhalb Stunden, die beiden Ölplattformen ziehen vorüber, Möwen begleiten das Schiff, das Festland kommt näher. Wie immer, wenn ich in Kavala ankomme, liegen die Trawler schon im Hafen, der Fang ist schon gelöscht. Um zwölf geht der Expressbus nach Thessaloniki. Auch schon Gewohnheit. Überhaupt, das Festland! Straßen, die von A nach B führen und viel weiter noch, Küstenlinien ohne Ende, Städte und Städte. Irgendwo dann Grenzen, anderes Land, bulgarischer Gebirgszug zur einen, Istanbul zur anderen. Ich aber habe diese Idee einer Insel. Die einzige Straße, die Thasos umrundet, ist gerade mal vierzig Jahre alt. Vorher gab es diese Möglichkeit nicht. Vorher gab es die Sommerdörfer in den Bergen, die Wintersiedlungen am Meer und eine Bevölkerung, die zwischen beiden pendelte.

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Die Idee einer Insel: Isola, die Isolierte. Auf Thasos wohnen 16.000 Menschen. Ich habe mehrfach versucht, die vier oder fünf Kilometer von Kazaviti aus entlang der Straße in das Tal zu gehen, hinunter nach Prinos. Es ist mir nie gelungen, jedesmal wurde ich mitgenommen. Beim letzten Mal von einem Motorradfahrer: „Dich kenn‘ ich doch! Steig auf.“ Dass man sich gegenseitig hilft, auf den anderen achtet: Hier ist das Alltag. Der Alltag ist eine verwobene Angelegenheit,  eine Verstrickung, ein Bündnis.

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Athos, von Thasos aus gesehen.

Der Alltag aber ist zugleich eingewoben in den größeren Zyklus der Jahreszeiten. Es gab die Zeit der Zikaden, die Zeit der großen Hitze, als selbst die Zikaden schwiegen, es gab die Zeit der Fülle, als wir die Mirabellen, die Feigen vom Baum ernteten. Dann kam die Zeit der Walnüsse und des Regens. Der Regen kam um zehn Uhr abends und hielt bis morgens um sieben an. Letztes Jahr war es das Feuer, das die Insel verwüstet hatte, dieses Jahr kam das Wasser, sammelte sich in den trockenen Bachläufen, wusch die Erde von den Bergen und stürzte durch Prinos und verschlammte das Uferland. Nächstes Jahr wird der Wind die verbrannten Pinien fällen, im Jahr darauf vielleicht der Berg kommen, ich weiß es nicht.

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Thasos gilt als die Insel der Sirenen, allerdings ohne dass sich dies belegen ließe. Die Sirenen waren jene lockenden Stimmen, denen Odysseus laut Homer nur widerstehen konnte, indem er sich am Mast festbinden ließ und vorbeisegelte, gen Skylla und Charybdis.  Ich hingegen ließ mich nicht festbinden und von den Sirenen bzw. von all dem was schiefging, während einer Saison auf Thasos, wird an anderer Stelle noch zu berichten sein. Hier nur soviel: Dass die Pläne fehlliefen, nichts sich so ergab, wie es sich anfangs dargestellt hatte – geschenkt, weil alles gut ist, so wie es ist. Bleibt alles anders. Gestern in der Taverne, Stamatia und Marina in der Küche, Giannis, der Ziegenhirte, an dem einen Tisch, ich mit Alex am Personaltisch, zwei weitere deutsche Anwohner, zwei griechische Ausflügler, der Lokalmatador Stavros ist am Start, alle miteinander verbunden und im Gespräch – und ich nehme all dies schon für selbstverständlich, weil es so ist, wie es ist, als Alex sagt: „wie familiär!“ (engl. familiar, vertraut, well known from long or close association)

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Rebetikon in Mikro Kazaviti, Feiertag!

In Thessaloniki gehe ich entlang der Ausfallstraße kilometerweit in Richtung ehemalige Fix-Brauerei, Dionisis besuchen. Auf der anderen Straßenseite kocht eine Familie auf offener Flamme. Das Wasser köchelt, ich blicke zu lange hinüber, auf die Kinder, die um das Feuer spielen. Der weißbärtige Vater steht auf, breitet fragend die Arme aus: Was das solle? Eine Familie anstarren, die in einem Verschlag wohnt und deshalb draußen kocht? Ich schaue nicht mehr zurück. Ich schaue nach vorne. Ich werde es Odysseus gleichtun und morgen nach Kolchis fliegen, ins georgische Kutaissi. Skylla und Charybdis überspringe ich. Wie heißt das Buch? Die Irrfahrten des Odysseus?

PS.: Thasos, ich bin dankbar. Für alles. Und ich werde eine Fähre nehmen, um nach Hause zu kommen.

 

(Titelfoto: Alexander Heer, Blick von Stamatias Taverne in Mikro Kazaviti auf das Festland)

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