Vardzia: Eleven is normal!

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Ich habe in Mestia im örtlichen Tourismusbüro so sämtliche Karten abgestaubt, wo gibt. Außer von den Regionen, in die es mich bestimmt nicht verschlagen würde. Von Aspindza zum Beispiel, der Grenzregion zur Türkei im Inland Georgiens. Aber genau dort geht es jetzt hin, iss klar!

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Early one morning in Bakuriani: früh wach, spät los!

Amiran hat mich überzeugt, dass es sich lohnt, die Tagesexkursion mitzumachen, zumal er anschließend nach Tbilissi düsen würde und mich dort zusammen mit seiner Freundin Alina absetzen könne. Wir sind also mit zwei Fahrzeugen unterwegs. Amiran, Alina und ich im weißen Vito vorneweg, die karelische Bande in der eigens angeheuerten Marshrutka zuckelt hinterher. Das Frühstück war auf 8 Uhr angesetzt, was ich tags zuvor für utopisch hielt. Zwar wurde in der Tat um acht gefrühstückt, anschließend jedoch sinnlos abgehangen, weil der Marshrutka-Fahrer lange nicht auftauchte. Verschlafen. Oder keinen Bock. Georgien halt: Individuelle Wünsche werden oftmals zu Gunsten örtlicher Gepflogenheiten ignoriert. Beispielsweise wurde ich in Mestia gefragt, wann wir (ich und zwei Chinesen) denn zum Berg Tednuldi aufbrechen wollten. Ich frech und im Bewusstsein, dass die halbe Stunde eh nicht existiert:
– Um halb Zehn!
Fahrer:
– But eleven is normal!
Na denn!

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So auch in Bakuriani. Um elf war der Fahrer da. Statt wie ausgemacht um neun. Tagesplan mehr oder weniger im Arsch. Immerhin ist es Winter und die Tage sind kurz. Egal, elf Uhr, southward ho! Mir wurde etwas von heißen Quellen erzählt, die diesmal wirklich heiß seien sollten, nachdem ich die „Hot Springs“ von Borjomi in „Slightly warm Springs“ umbenannt hatte. Vom Rest des Tagesplanes hatte wieder nichts mitbekommen, ich bekomme nach wie vor recht wenig mit. Stichwort Russischkenntnisse und deren Notwendigkeit.

Aber man hat ja Augen: In Borjomi folgen wir der Kura flußaufwärts. Dem Augenschein nach geht es nicht weiter in Berge hinein, denn die hohen Gipfel treten zurück, es geht auf grau-braune Hochebenen hinauf und in einen Kessel, in dem die Stadt Achalziche liegt. Der Augenschein aber trügt, denn obschon die Täler nicht unter Schnee liegen, fahren wir stetig bergan. Ich klebe am Autofenster, denn die Landschaft verändert sich merklich. „Gürcistan“ nennt man Georgien in der Türkei: Diese ariden, hochliegenden Landschaften, das ist Gürcistan!

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Wir haben das Kuratal verlassen, folgen einem Nebenfluss und dann taucht es auf: das Höhlenkloster Vardzia. Ich bin baff und starre zu den über hundert blinden Augen hinauf. Oh, Georgien, ich dachte schon, ich wüßte einiges über dich! Aber wieder: Neuland! Und ein Tal, in das ich zurückkehren muss, in dem man sich aufhalten sollte. Das Tal ist sozusagen ebenfalls blind, es führt nur eine „Dirtroad“ weiter, dann kommen die Berge und dahinter liegt die Türkei. Ein magisches Tal.

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Die Marshrutka trifft eine halbe Stunde nach uns ein. Zur Verzweiflung aller haben die Kioske und das Restaurant zu Füßen der Klosteranlage absolut dicht, so dass der kilometerlange Fußmarsch durch die Höhlen über Treppen und Gänge ohne Nahrungsnachschub oder Koffein zu erledigen ist. Aber das macht nichts. Das Höhlenkloster liegt auf 1300 Metern und ist so phänomenal, dass alle irdischen Bedürfnisse verfliegen. Ich spare mir Auskünfte zur Historie von Vardzia, die kann man auf Wikipedia nachlesen. Dort gibt es auch eine Innenansicht der in den Fels gebauten Hauptkirche zu sehen, die nicht fotographiert werden darf und in der das Schweigegebot gilt. Von mir nur soviel: Die Vergärung von Traubenmost scheint mir ein essentieller Bestandteil der frühchristlichen Geschichte zu sein. Ich gehe soweit, einen Zusammenhang zwischen beidem zu sehen. In die allermeisten Terrassen der Mönchsklausen sind Kuhlen eingelassen, in denen Wein bereitet wurde. Auf der Maische vergoren und stetig bewegt.

Vardzia

Zur kompletten Verzweiflung aller ist auch der nächste Tagesordnungspunkt nicht der Besuch eines Restaurants (es gibt hier keines, nicht in diesem Tal, nicht in dieser Sackgasse Richtung Türkei, nicht zu dieser Jahreszeit) sondern der Besuch der heißen Quellen. Was muss, das muss. Ich bin mir sicher, eine deutsche Reisegruppe hätte rebelliert. Aber die Karelier sind da aus anderem Holz geschnitzt und lange Distanzen zu überbrücken gewöhnt. Auch wenn es leise Sprechchöre gab, die das georgische Ofenbrot mit Käsefüllung anriefen:
– Katcha-Puri, Katcha-Puri!

 

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