Hermsdorf: Weihnachten en famille

Da wäre doch Hermsdorf in der Nähe, oder nicht? Ja, sage ich, ich denke schon. Weiß es aber nicht genau. Ich bin auf Montage in Alt-Wittenau, lebe, arbeite, schlafe, esse am Dorfanger mit Blick auf die alte Kirche. Im nächsten Telefonat das Gleiche, meine Mutter, wie so häufig leicht quer zum eigentlichen Geschehen, ignoriert was ich über Wittenau zu erzählen habe: wie weit es denn von Wittenau nach Hermsdorf wäre?

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Dass meine Großmutter, die Mutter meiner Mutter, in Wilmersdorf geboren ist, das wusste ich. Meine Mutter wiederum ist in Neubrandenburg geboren und später nach Plau am See gezogen, bevor meine Großmutter die beiden Söhne, die Tochter und das Handwägelchen nahm, um vor den russischen Truppen zu fliehen – nicht aufgrund einer abstrakten Angst, sondern wegen konkreter Vorfälle. Was ich hingegen nicht wusste ist, dass meine Großmutter in Hermsdorf aufgewachsen ist. Und immer davon geschwärmt habe, vom Fließ, den Nebelfrauen, den Zugvögeln, wie mir meine Mutter berichtet. Es gibt ja Zusammenhänge im Leben, die wesentlich feiner gesponnen sind, als all das, was wir uns an Entscheidungen und Richtungswechseln so einbilden. Mir jedenfalls fällt es wie Schuppen von den Augen und mir erschließen sich die Zufälle und Einfälle, die ich in Wittenau in den letzten Wochen erlebt habe. Und ich habe einiges erlebt. Zeichen und Wunder.

Nun habe ich gerade eh die Arme weit offen, so dass mir viel zufallen kann, denn ich habe mich gründlich verliebt. Allerdings in die Ferne, über Berge hinweg, so dass jegliche Konkretisierung und Überprüfung völlig unmöglich sind. Verliebt zu sein würde einer manisch-depressiven Störung gleichen, wäre da nicht die Liebe selbst, dieser Fluss, der einfach da ist, unbegründet, haltlos und ohne Anspruch auf Vergeltung. Aber vielleicht fechten wir das ja noch aus, früh morgens auf dem Dorfanger von Wittenau, bewaffnet mit schwerem Küchengerät, das tönende Erz der Kirche im Ohr und den Korinther 13 im Kopf, als blutige Anfänger  (oder wie es der Lyriker Rainer Kunze – oder war es Jan Skacel? – mal formuliert hat: „im herzen barfuss“, oder Enzensberger: „ohne pass, ohne schuhe“).

Aber genug der Abschweifung und zum Thema zurück. Obschon ich bei „Abschweifung“ sofort wieder an den prächtigen Fuchs denken muss, der seinen Bau unter der Kirche hat, am Dorfanger von Wittenau. Der so prächtig ist, weil ihn die ansässigen Gastromen versorgen und er nachts auf Streife geht, beim Italiener vorbei, dann zum Kroaten, vielleicht noch in der Dorfquelle auf einen Absacker einkehrt. Also.

Hermsdorf. Am ersten Weihnachtsfeiertag („oh the grey dull day“) Mutti und ich nach Hermsdorf, zwei Stationen mit der S-Bahn. Meine Mutter, die immer gebrechlicher wird, ihre Konzentration verloren hat, aufgrund eines Schlaganfalls von vor über zehn Jahren auf die schiefe Bahn geraten ist. Wittenau nimmt sie einfach hin, behauptet sogar, es sähe dort ein wenig aus wie in Nürnberg, was ich nicht wirklich bestätigen kann. Für meine Augen, die in Franken das Licht der Welt erblickt haben, in einer Stadt mit römischen Wurzeln, hinter dem Limes, im römischen Reich, für mich wird der Norden immer heidnisch bleiben, wesentlich später christianisiert als der Süden. Eine Kirche aus dem fünfzehnten Jahrhundert wie die Dorfkirche von Wittenau ist für mich, so sehr ich sie liebe, keine alte Kirche, sondern ein recht junger, vergleichsweise bescheidener Zweckbau.

Meine Großmutter und mein Großvater sind einander „zugeführt“ worden, wie meine Mutter formuliert und damit wiedergibt, wie es damals auch schon formuliert wurde. Eine Zweckehe. „Ein Geizhals und ein Schwein werden erst nach dem Tode gut sein“, so hat meine Großmutter ohne Rücksicht auf Grammatik gereimt, sich auf diese Weise wiederholt zu ihrem Eheverhältnis geäußert und unverholen auf die Wittwenrente gefreut, weil sie glaubte, ihren elf Jahre älteren, verbeamteten Gatten irgendwann hinter sich zu lassen. Sie ist mit 61 gestorben, das Herz gab auf. Ich habe keinerlei Erinnerungen an sie, ich habe sie nicht wirklich kennengelernt. Mit zwei Jahren sei ich auf dem Fußboden gesessen, vor der Spielkiste, die mein Großvater für mich bereit hielt und die um so vieles spannender war, als mein eigenes Plastikspielzeug – ich sei dort gesessen, hätte kurz aufgesehen und konstatiert
– Omi ist nicht da.
Und dann weiter gespielt, vor allem mit dem grünen Citroen, dem DX. Ich mochte Autos als Kind, ich kannte alle Marken. Bis auf den heutigen Tag besitze ich kein Auto.

Bertramweg, die Nebelfrauen sind nicht da, wohl aber der Nieselregen. Alles was grau sein kann, ist auch grau. Still aber nicht starr liegt das Fließ. Wir zählen die Hausnummern, der Weg ist länger als gedacht. Und siehe, dort wo meine Großmutter aufwuchs, dort liegt das Paradies.

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PS: Wie ich grade erfahre, war meine Omi damals im Bertramweg in einen Herrn Träger verliebt, der immer in Gala-Uniform durch die Straße sei, immer an ihrem Haus vorbei. „Adieu mein kleiner Gardeoffizier“ ging ihr nicht mehr aus dem Kopf, als der Herr Träger an die Front musste. Jahrzehnte später, im Oldenburger Exil, sind sie sich wieder begegnet. Der älteste Sohn meiner Großmutter, mein Onkel Gunther, der Gemütliche, der Großzügige, der Freidenker, der hat dann eine von Herrn Trägers Töchtern geheiratet, die Hedda Träger. Eine glückliche Ehe.

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