Richtung Kazbeg: eine Gratwanderung

Es wird nicht der Schnee sein, es wird der Wind sein, der uns kalt erwischt, oben am Kazbeg. Früh morgens noch vor acht laufen wir in Gergeti los. Erst ist es weniger kalt, als erwartet, minus sieben Grad. Wir sind in voller Montur, unter den Handschuhen tragen wir Handschuhe. Hinter Gergeti packen wir die Schneeschuhe aus, um quer durch den Wald hinauf zu gehen zur Dreifaltigkeitskirche – zu der Ikone Georgiens schlechthin.

Auf dem Grat sollen wir gehen, das hat uns Tato, unser Gastgeber, neben einer Thermoskanne mit auf den Weg gegeben, im Tal sei der Schnee schon zu tief. Der Grat aber ist dem Wind ausgesetzt und der Wind stark. Zum Kazbeg hochsteigen, dem Mister einen guten Tag zu wünschen, das ist der Plan. Nicht mehr und nicht weniger. Heißen Tee haben wir dabei und Verpflegung, aber zum ausgiebigen Rasten kommt es nicht. Entweder wir sind zu ausgesetzt und halten es im eisigen Wind nur wenige Minuten aus, oder aber wir waten durch tiefen Schnee und finden schlicht keinen Platz zum Niederlassen. So und nicht anders ist die Geschwindigkeit zu erklären, mit der wir nach oben ziehen.

Je höher wir steigen, umso stärker setzt sich die Sonne durch, glitzert über die Schneewüste, aber wärmt schon lange nicht mehr. Schwarz und felsig steht uns das Massiv des Kwemi Mta im Rücken, fällt steiler auf Stepanzminda hinab, als man das von dort aus ahnt. Vor uns erscheint der Kazbeg in seiner vollen Größe, die Wolken haben sich verzogen: Gegen zwei Uhr erreichen wir die Passhöhe und der Mister ist da. Wir kauern zwischen den Steinen, trinken den letzten Rest Tee und zwingen uns dazu, einen Müsliriegel zu essen. Der Tee ist göttlich, Essen ist anstrengend.

Vor uns ein Gemälde aus Schnee, Stein und Licht, das sich alle paar Minuten ändert. Jeder neue Blick eine Offenbarung. Der Kazbeg ist mit 5033 Metern der dritthöchste Berg Georgiens, nahe seinem Gipfel verläuft die Grenze nach Russland. Der Kazbeg ist auch der mythische Berg, an den zur Strafe der georgische Held Amiran gekettet wurde, der den Göttern einst das Feuer stahl – von den antiken Griechen als Prometheus vielfach besungen.

Sage mir, Muse, wohnt das Göttliche in den Einöden? Schläft es dort wie ein Lied in allen Dingen? Braucht es die Stille, die Anstrengung, die Erschöpfung? Oder ist es die Ausgesetztheit, die Erfurcht und die Vorsicht angesichts der Erhabenheit im Wortsinne. Sind es die Wechsel des Lichts, ist es die unmittelbare Erfahrung der Elemente? Was geht dir hier so nahe? Was erfasst dich hier trotzt der Kälte, der Erschöpfung?

Anatoli Boukreev hat es so formuliert: „Mountains are not stadiums where I satisfy my ambitions to achieve. They are the cathedrals where I practise my religion.“

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