Kleine Stilkritik: Am Beispiel von Bitola

Ich fürchte, der Grusel lässt sich weder vernünftig beschreiben noch fotografieren, denn er ist umfassend. Er beginnt mit der gekaperten Altstadt (genauer: mit der Fußgängerzone) und geht bis hin zu den Hüten der alten Männer. Diese tragen zum kleineren Teil noch Anzug, wie es sich gehört, auf den Köpfen Hut, so wie es sein muss, nur sind die Hüte mittlerweile aus chinesischer Produktion und sehen ganz genauso aus wie in den billigen Länden der Warschauer Straße, scheckig, bunt, billig. Am dritten Tag hintereinander sitze ich in der Altstadt, trinke türkischen Tee und staune ob der grotesken Ausstattung von Männlein und Weiblein.

Es gibt in Bitola eine Art Fahrzeugstrich, dort kann man vom Lastwagen bis hin zum selbstgebauten Gefährt samt Besatzung anmieten, was grad so nötig ist. Zum Beispiel zum Holzabholen.

Es gibt in Bitola eine Art Fahrzeugstrich, dort kann man vom Lastwagen bis hin zum selbstgebauten Gefährt samt Besatzung anmieten, was grad so nötig ist. Zum Beispiel zum Holzabholen.

Mag sein, dass meine Wahrnehmung etwas gestört ist, denn ich kuriere eine Erkältung aus, die ich mir in den Bergen eingefangen habe und die mich seither hartnäckig begleitet. Ich kann aber nicht umhin, angesichts eines Pulks wild toupierter älterer Damen mit verspiegelten, übergroßen Sonnenbrillen, flauschigen Felljäckchen und golden-beschnallten Überkniestiefel an Science- Fiction-Filme zu denken, an Blade Runner an Star Wars oder Dune, den Wüstenplanet.

Leider habe ich nicht die Chuzpe, um ein Foto zu bitten, es würde aber auch nichts helfen, denn nur ein winziger Ausschnitt wäre beleuchtet, und das Grauen, ich sagte es bereits, der Grusel ist umfassend. Synthetische Trainingsanzüge sind noch die stilsicherste Wahl, auch T-Shirts, Jeans und Hoodies in allen Varianten gehören nicht zu den Aufregern, sondern entspannen das Auge. Es sind Ruhepunkte inmitten weit größeren Ausschweifungen hinsichtlich Farben, Fransen und Frisuren. Wenn ich nicht schon soviel gesehen hätte, im Verlauf diesen Jahres, dann würde ich mein Entsetzen wohl unter komischen Befindlichkeiten parken, nicht weiter darüber nachdenken und schon gar nicht schreiben.

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Ich kann mich erinnern, dass es noch zu meinen Schulzeiten im Fränkischen eine recht breite Opposition der Erwachsenen gab, gegen Jeans und Turnschuhe. Von der Turnschuhgeneration war die Rede und mein ganzer Stolz mit zwölf oder dreizehn war ein Paar knöchelhohe Basketballschuhe. Müßig zu erwähnen, dass ich nie Basketball gespielt und es einmal im Schulsport sogar geschafft habe, einen Eigenkorb zu werfen. Ich war wichtigen Gedanken nachgehangen, als ich plötzlich den Ball bekam und unter den lauten Zurufen meiner Mitspieler entgegen meiner Gewohnheit in den Korb traf, den eigenen, wie sich sofort herausstellte. Dass ich nicht im Boden versunken bin, sondern der Stolz getroffen zu haben die Scham überwog, spricht nicht unbedingt für meinen Gemeinsinn. Wie dem auch sei: im Verlaufe der achtziger begannen wir alle, amerikanische Kleidungsstücke zu tragen von amerikanischen Marken, gefertigt in Asien, gekauft in der Breiten Gasse. Als sei dies selbstverständlich, erstrebenswert und der natürliche Lauf der Dinge.

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Bitola ist eine Stadt von langer, reicher Geistesgeschichte und regen kulturellen Lebens am Schnittpunkt der osmanischen und der europäisch-aufgeklärten Sphäre. In der Straße der Diplomaten stehen noch die einstigen Vertretungen, große, klassizistische Villen, auch das Stadttheater ist noch intakt, wenngleich außer Betrieb. Im Museum hängen hinter Glas die reichhaltigen Trachten der einzelnen Dörfer und Gemeinden, aufwändig bestickt, in wochenlanger Arbeit hergestellt, um sie an Feiertagen, anlässlich einer Hochzeit oder auch nur eines Gottesdienstes zu tragen und zu zeigen. Es ist das vergangene Europa, was dort ausgestellt wird, bis auf Teile Rumäniens und Albaniens spätestens vom zweiten Weltkrieg hinweggefegt. In Bitola reift mir die Einsicht, dass es inzwischen ein zweites Europa gibt, das nicht mehr ist.

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Die Turnschuhgeneration hat sich durchgesetzt, in Ost und West, Kleidung ist vor allem eines geworden: billig. Und nicht lange haltbar. Zum einen wird nicht mehr ausgebessert, weil sich ausbessern nicht lohnt. Schuster und Schneider sind weitgehend verschwunden oder zur Luxusdienstleistung avanciert, vom Hosekürzen beim Vietnamesen einmal abgesehen. Die Plastikschuhe kommen nach Gebrauch in den Müll zu dem weiteren Plastik. Zum anderen, und das ist das Bemerkenswerte, es herrscht kein Mangel an billigem, für jederman erschwinglichen Nachschub, nicht in Berlin, nicht in Cherkassy und auch nicht in Bitola. Das, mit Verlaub, ist kein Zeichen von Reichtum, es ist das Signum einer Verarmung, eines Verlustes. Wir kleiden uns in Müll, aber das Beruhigende ist, wir haben viel davon und können ihn täglich wechseln. Denn vom Schlechten ist genug für alle da.

 

Ps.: Ich sollte noch erwähnen, dass Mazedonien insgesamt und Bitola insbesondere von einem massiven „Braindrain“ betroffen sind. Die gut Ausgebildeten ziehen weg, entweder nach Skopje oder gleich weiter. In Mazedonien wird gleich an fünf Fakultäten landesweit Stomatologie gelehrt, also Mund-, Kiefer- und Zahnmedizin. Bei einer Bevölkerung von ganz knapp über zwei Millonen, die überdies größtenteils nicht versichert ist. Das kann nicht gut gehen. Mut zur Lücke, muss man dazu sagen.

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