Östergötland: Gänse, Rehgips und Meditation

Östergötland liegt nördlich von Småland und Småland dürfte fast jeder kennen, denn Bullerbü und Lönneberga liegen dort. Die Landschaft ist ähnlich: weit, eben, und leicht wellig. Felder wechseln sich ab mit Wäldern und Seen. Die Gehöfte liegen großzügig verstreut, Häuser und Schuppen sind allesamt rostbraun angestrichen und mit weißen Bordüren versehen. Das Klischee ist vollumfänglich erfüllt und ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass es auch anders sein könnte, in Schweden – solange bis die schwedischen Kollegen im Auto anfangen haben zu schwärmen, wie niedlich die ganzen Häuser seien, wie schön es doch wäre, in Östergötland.

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Ich habe zwar den Zug in Mjölby in voller Absicht verlassen und bin doch komplett unwissend, was Landschaft oder Sehenswürdigkeiten angeht. Fassen wir kurz zusammen: wegen den Städtchen kommt gewiss niemand hierher. In Mjölby haben am frühen Samstagnachmittag genau drei Instanzen geöffnet: das Chinarestaurant, der Kebap-Imbiss und der Warteraum des Bahnhofs. Der Rest des Städtchens ist auf eine fast trostlose Art und Weise sauber, pittoresk und leblos. Ebenso unbelebt scheint die Landschaft zu sein, so weit ziehen sich die Landstraßen, so weit kann der Blick schweifen. Ich komme mir vor, wie irgendwo im mittleren Westen der USA, der Weizen weht sanft im Wind, niemand ist zu sehen, und wenn, dann im Auto. Der Ort „Hejda“, wo ich den Bus verlassen muss, besteht aus einem Bushäusschen, und aus nichts weiter.

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Richtig was los ist hier allerdings in Sachen Gänse: Wildgänse, Graugänse, verbringen hier den Sommer, pendeln täglich in großen, lautstarken Schwärmen vom Tåkernsee bis auf die Felder und zurück. Der See gehört zu den wichtigsten Rast- und Brutplätzen Europas, ist fast komplett von einem weitläufigen Schilfgürtel umfasst, nahezu unzugänglich und bereits seit 1975 geschützt. Hier tummeln sich Schwäne, Enten, Reiher und alle möglichen Arten an Gänsen. Im Prinzip ist es sehr ruhig, nur der Wind fährt durch das Schilf und die Bäume. Sobald aber ein Schwarm Graugänse einmal mit meckern und sich zu Wort melden angefangen hat, dann aber ist was los! Da können die Lerchen, die Stare und die Schwalben nicht mithalten. Es ist ganz erstaunlich, auf einmal Schwärme einer Vogelart in unmittelbarer Nachbarschaft zu haben und jeden Morgen nachzuschauen, wieviele einzelne es denn auf den Feldern sind, die ich sonst nur zweimal im Jahr sehe: einmal auf dem Hin- und dann wieder auf dem Rückflug.

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Ich bin nun aber nicht hauptsächlich zwecks Vögelbeobachtung hier, die ergibt sich eher von ganz alleine und so nebenbei, sondern unterwegs zu Schwedens Vipassana-Zentrum, welches in einer alten Landschule untergebracht ist. Wir haben vor, ein paar Räume renovieren, „Reh“-gips-Wände einziehen, und abends an die nahen Seen zu gehen. Anschließend will ich bleiben, um noch einen Zehn-Tages-Kurs zu sitzen. Vipassana ist eine Art Schweige- und Achtsamkeits-Meditation, ich habe also gewissermaßen in den nächsten zehn Tagen nichts vor, rein gar nichts. Aber das ist nicht so leicht.

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