Helsinki: im Süden des Nordens

Es musste ja so kommen, früher oder später: In Helsinki bin ich bei der Heilsarmee untergebracht, im Obdachlosenheim. Stimmt ja auch. Gut, ich sollte natürlich dazu sagen, dass das Gebäude und ebenso das Mobiliar vor wenigen Monaten den Besitzer wechselten und beides in ein Hostel überführt wurde. Ein paar bunte Kissen können jedoch nicht über die jahrelange Verwendung hinwegtäuschen, auch die Gerüche sind noch die alten und es wird noch ein wenig Zeit brauchen, bis sich die Molekülstrukturen neugeordnet und mit ein bisschen mehr Freude aufgeladen haben. Das Gefühl der Kasernierung wird noch ein Weilchen bleiben, Stichwort Gummimatratzen.

Heilsarmee, Helsinki. Jetzt: Hostel!

Heilsarmee, Helsinki. Jetzt: Hostel!

Auch sind nicht alle früheren Bewohner ausgezogen, da ist zum Beispiel der alterslose Joakim, der mich fragt, wo ich denn herkäme, und ich die Gegenfrage stelle. Und siehe da, er kommt aus Helsinki. Weitere Fragen kann ich jedoch nicht stellen, nach einem kurzen Wortwechsel inklusive eines Lobes der deutschen Automobilhersteller verschwindet Joakim wieder, ein Phänomen, das ich bei den Finnen nicht zum ersten Mal erlebe: Auch wenn die Neugier zunächst siegt, lässt man einen ganz schnell wieder in Ruhe. Bleibt ja auch genug Zeit, um das Gespräch später gegebenenfalls fortzusetzen, aber „stören“, das will keiner. Ganz anders dagegen die beiden Amerikaner in der Gemeinschaftsküche, laut scheinen sie hier, überflüssig wirkt die Frage nach dem Befinden, distanzlos der Körpereinsatz am Kühlschrank. Ein paar Tage unter Finnen, ein paar Tage in den weitläufigen Wäldern und man fängt an, finnisches Raumverständnis nachzuvollziehen.

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Ich bleibe nur kurz in Helsinki, nur eine Nacht und eineinhalb Tage, dass muss reichen. Gewiss gäbe es eine Menge zu entdecken, allein: Helsinki zählt zu den teuersten Städten der Welt, nimmt in einer Statistik gar den sechsten Rang ein, wobei diese neben Quadratmeterpreisen auch Alkoholkosten einberechnet. Ohne diesen Posten würde die Stadt vermutlich ein paar Plätze verlieren. Lustig ist, dass selbst hier die Hipster auf alten französischen Rennrädern unterwegs sind, samt der weltweit aktuell gültigen Uniform, ein Großstadtphänomen. Ich frage mich, wie lange die Rennradsaison wohl geht: zwei Wochen, drei? Spätestens unter ungünstigen Bedingungen wie denen des Norden zeigt sich, was ein Hipster ist: ein extrem spezialisierter Zeitgenosse, der sich auf einem bis zwei Feldern gut bis sehr gut auskennt, sich mit zwei bis drei Zauberformeln ausgerüstet glaubt und mittels Uniformierung einreiht in das Heer der anderen extrem gut Teilinformierten. Was mich hier wie in Berlin daran stört, ist die Kombination von ausgedehnter Ahnungslosigkeit und punktuellem Besserwissertum. Im Grunde handelt es sich um Nerds, um Flachwurzler, außerhalb ihres Biotops nur bedingt überlebensfähig und auf dem Land schlicht nicht zu finden, nicht einmal in Tampere oder Turku.

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In Helsinki dominieren moderne Architektur, industrielle Backsteinbauten und eine Art vergröberter Jugendstil, welcher sich blockartiger Steinquader bedient und damit etwas Mittelalterliches hat. Sämtliche Straßenschilder sind zweisprachig, denn Schwedisch ist zweite Amtsprache: Helsingfors heißt die Hauptstadt für die schwedischsprachige Minderheit. (Finnland war bis zum russisch-schwedischen Krieg Teil des schwedischen Königreichs, wurde anschließend über hundert Jahre lang von St. Petersburg aus regiert, bis zur Unabhängigkeit 1917. Hier liegt vielleicht die Erklärung für die Vorliebe der finnischen Administration für lebensferne Regelungen und Gesetze.) Große Teile der Kernstadt, der Kantakaupunki, sind nach der Jahrhundertwende entstanden und ähneln den Berliner Straßenzügen, dazwischen aber sind einstöckige Holzbauten oder Villen eingestreut, die mich ahnen lassen, wie Helsinki ausgesehen haben muss, bevor nach dem zweiten Weltkrieg der Zuzug aus dem ländlichen Raum einsetzte. Die Holzhäuser mussten weichen, die Stadt dehnte sich aus, Land wurde aufgeschüttet und immer größere Wohnblocks wurden gebaut.

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Die verschiedenen Häfen jedoch, die Fährverbindungen zu den Inseln, die Wasser und die Vegetation, die Brücken, Kanäle und Fahrrinnen, die tausend Boote, die Viertel diesseits und jenseits der Buchten, die Raubmöwen und die Seeschwalben allerorts – all das lockert Helsinki auf, von Großstadt keine Spur, der halben Million Einwohner zum Trotz. Wie schon in Tampere frage ich mich jetzt im hohen Sommer, wie das gehen soll, hier leben, im Winter, wie dann wohl der Alltag aussehen mag? Für meisten Finnen jedoch liegt Helsinki schon im lichten Süden und Tallinn gegenüber bereits auf einem anderen, wärmeren Kontinent.

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