Kalsarikännit-Fails

Kalsarikännit ist finnisch und bedeutet wörtlich etwa „Unterwäschetrunkenheit“. Damit ist gemeint, sich in Unterwäsche unbeobachtet zu Hause auf dem Sofa sitzend zu betrinken, ohne noch ausgehen zu wollen. Abgesehen vom Punkt „Unterwäsche“ entspricht dies ungefähr meinem Vorhaben, denn meine Gastgeber müssen beide gegen zehn auf Nachtschicht, Yana ins Krankenhaus und Timo in die Fabrik. Aber Pustekuchen, Timo hatte angeregt, ich solle doch die Kneipe besuchen, den Peltsun Saluuna in direkter Nachbarschaft, nur ein Wäldchen weiter. Es sei Freitag und am Freitag ganz gewiss was los, ich würde schon sehen. Draußen aber regnet es und ich bin etwas faul. Später aber erwischt mich Timo beim Kalsarikännit, Facebookaktivität hat mich verraten, und Timo insistiert per Messengerfunktion auf seinem Vorschlag. Also gut, es ist ja erst Mitternacht, und ein Bier… wer bin ich, der ich dringende Hinweise von locals ignorieren würde!

Wohnblock in Tampere. Doch,doch, hier wohnen Menschen, man lässt das halt nicht so raushängen.

Wohnblock in Tampere. Doch,doch, da wohnen Menschen, man lässt das halt nicht so raushängen.

Noch weiß ich das nicht, aber damit mache ich genau das, was Finnen eben tun: Ich hänge zuhause ab, trinke ein paar Bier, habe nicht mehr vor auszugehen, um dann auf den letzten Drücker doch noch aufzubrechen. Weil das Bier alle ist, der Fernseher kaputt, es noch hell ist, oder weil einem langweilig wurde, einsam im Gemüt, oder schlicht, weil man sich selbst in Feierlaune gesoffen hat. Kurz und gut: Ab Mitternacht geht es in Finnland in die Bar!
Ich bin vorsichtig genug, nicht den alten Aufzug zu nehmen, denn wenn all die Geschichten stimmen, dann endet einer von drei Kalsarikännit-Fails damit, im Aufzug stecken zu bleiben. Von diesen Geschichten gibt es zwei Varianten: Finne mit Bier im Aufzug und Finne ohne. Im Bier-Falle ist der Fortgang klar, im Kein-Bier-Fall muss hektisch telefoniert werden, um für den Zeitpunkt der Befreiung vorzusorgen. Die Kneipen machen um zwei Uhr zu, die Läden dürfen schon ab neun keinen Alkohol mehr verkaufen.

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Aber was heißt hier Kneipe? Auch die Begriffe Bar oder Pub reichen nicht hin, das finnische Kneipenphänomen zu bezeichnen. Um es kurz zu machen: Eine Schankwirtschaft hebt alle Regeln des finnischen Alltags auf, stülpt den Handschuh gewissermaßen um und kehrt das Innere nach außen. Es ist kalt und regnerisch wie an einem deutschen Herbsttag, alle sind drinnen, die Kneipe hat keine Fenster, weil sie keine braucht. Es ist bunt wie im Inneren eines Kaleidoskopes. Sämtliche Altersklassen sind vertreten, die Bar ist gut gefüllt, aber nicht voll, es bleibt genügend Platz für jeden sowie für allen denkbaren Zeitvertreib. Es gibt ein paar blinkende, jedoch stillschweigende Automaten, eine lange Theke, Sitzboxen wie in einem amerikanischen Diner, aber aus Holz. Die Karaoke-Maschine ist angeschmissen, eine jüngere Finnin singt ebenso engagiert wie unbeachtet einen finnischen Schlager nach dem anderen, ein älteres Pärchen tanzt dazu, die Jugend spielt Pool. Alles gleichzeitig, alles in- und miteinander verwoben, eine Wahnsinnsmischung und ein für finnische Verhältnisse erstaunlicher Lärmpegel.

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Ich sitze am Tresen, aus dem einen Bier werden schnell zwei, der Dorftrinker kommt kurz vorbei und merkt recht spät, dass ich wirklich gar kein Finnisch verstehe, gibt mir noch einen englischen Satz mit auf den Weg bevor er sich trollt und sich nach dem Zufallsprinzip irgendwo dazusetzt:
– I don´t want to go home.
Eine ältere Dame – ich bin höflich, wenn ich „ältere“ schreibe – beginnt mit mir zu schäkern. Erst als sie ins Englische wechselt wird das Ausmaß ihrer Trunkenheit deutlich. Ob ich nicht auch etwas singen wolle? Oh nein, bei aller Liebe, das bringe ich dann doch nicht. Auch wenn mir die Unaufmerksamkeit der Finnen gewiss wäre.
Hinter dem Tresen fegt der Inhaber auf und ab, redet mit diesem und jenem, zapft Bier, mixt Cocktails und ist überall. Ich bin mutig genug zu fragen, ob er Türke sei. Volltreffer: Aus Izmir kommt er, hatte dort eine Lederhandlung, wollte nach Helsinki exportieren, um dann aber eine Finnin zu heiraten und in Tampere zu stranden. Fünfzehn Jahre sei das jetzt her:
– I don´t know about the life. Somehow i ended up here!
Geht mir ein bisschen ähnlich, aber ich bin ja nach ein paar Tagen wieder weg.

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Auch den Schiffsverkehr zwischen Stockholm und Turku verstehe ich jetzt besser, da war das ähnlich, nur weitläufiger: So ein finnisches Linienschiff, das ist nichts anderes als eine übergroße Kneipe mit allerlei Amüsiermöglichkeiten und einem Notfallbett vor Ort. So ein Schiff, das ist finnische Innenwelt und dort geht es bunt zu. Nur, dass ich die Rückfahrt gebucht und die Hinfahrt über Nacht verpasst hatte, also nur beim Abklingen der Butterfahrt dabei war. Insgeheim habe ich auch schon längst beschlossen, wiederzukommen und mir das ganze Treiben im Winter anzusehen, wenn die Natur geschlossen hat, die Finnen drinnen sind, und Kalsarikännit bis Mitternacht durchhalten, dann auf ein bis zwei Stunden in die Kneipe gehen, um dort wegen Trunkenheit nach dem ersten oder zweiten Bier rausgeschmissen zu werden.

Ps.: Ich habe auch schon eine Geschäftsidee: ich gründe einen Bierverleih! Dort kann man sich nach neun Bier für eine Gebühr ausleihen, muss es aber zwei Stunden später wieder abgeben, sonst wird die Gebühr einbehalten. Noch gibt es dagegen kein Gesetz!

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