Kiew: Auf dem Maidan

„Maidan“ heißt nichts anderes als „Platz“, der volle Name des zentralen Kiewer Platzes lautet „Maidan Nesaleschnosti“: Platz der Unabhängigkeit – gemeint ist die von Russland. „Euromaidan“ hatten ihn wiederum diejenigen getauft, welche sich hier zu tausenden eingefunden hatten, um im Winter vor zwei Jahren gegen die Regierung Janukowitsch und deren Weigerung zu protestieren, das EU-Assoziierungsabkommen zu unterzeichnen.


Kiew_Maidan_Gebauede1 Der Platz ist in Wirklichkeit viel kleiner, räumlich weitaus begrenzter, als ich ihn mir angesichts der apokalyptischen Bilder von 2014 vorgestellt hatte. Das Gewerkschaftshaus ist verhüllt und wird renoviert, ansonsten erinnert nichts an das Geschehen des Februars 2014, als schwarzer Rauch durch die Straßen zog, Barrikaden aufgetürmt waren, zehntausend und mehr Demonstranten ein Zeltlager errichtet hatten und sich – mit Eisenstangen und selbstgebastelten Zwillen sowie Molotowcocktails bewaffnet – dreitausend Bereitschaftspolizisten entgegen stellten. Ein Szenario des Grauens, mitten im kalten Winter, mitten im Herzen von Kiew und wenige Meter von den Regierungsgebäuden entfernt.

Ich habe versucht, ansatzweise einen Überblick zu gewinnen, über die Geschehnisse auf dem Maidan vom 18. bis 20. Februar 2014. Die Bilanz jener Tage lautet auf weit über fünfzig Tote auf beiden Seiten, davon 49 tote Demonstranten. Nur allzu schnell schoss sich die westliche Presse auf die Machthaber in Kiew ein, diese hätten Schießbefehl auf „unbewaffnete Zivilisten“ gegeben, um so den Platz zu räumen. Ebenso geschwind war die russische Seite dabei, westliche agents
provocateurs am Werke zu sehen. Beide Sichtweisen sind weder wahr noch unwahr, sie sind lediglich halbwahr, weil sie nur die Hälfte der Geschichte erzählen. Dass es zunächst keinen Schießbefehl gab, sondern die Berkut-Einheiten erst im Laufe des Tages scharf bewaffnet wurden, gehört ebenso zur ganzen Wahrheit, wie der Fakt, dass es sich eben nicht um „unbewaffnete Zivilisten“ gehandelt hat, welche in den frühen Morgenstunden des 20. Februars erst aus dem Gewerkschaftshaus heraus – dort war im dritten Stock ein Lazarett eingerichtet, den fünften und sechsten Stock benutzen radikale Nationalisten als Kommandozentrale und Waffenarsenal – und anschließend von der Straße aus die Sache in die eigenen Hände genommen hatten und in die Offensive gegangen waren. „Schießt nicht in den Rücken eurer Kameraden“, dieser Satz fällt in einem Video, welches unschwer lokalisiert werden kann und die vorrückenden Demonstranten zeigt.

Kiew_Straße1
Die Berkut-Einheiten traten also zunächst nicht zum Sturm, sondern den einstweiligen Rückzug an, weil auf sie scharf geschossen wurde und sie zu diesem Zeitpunkt nur mit Gummigeschossen ausgerüstet waren. Erst anschließend wurden die Spezialeinheiten mit scharfen Waffen ausgestattet, auf wessen Befehl hin ist ebenso unklar wie die Frage, wer Teile der Protestierenden mit Waffen ausgestattet hat und wann genau. Es gibt einzelne Zeugenaussagen, welche bestätigen, dass den Demonstranten am 18. und 19. Februar Waffen und Munition angeboten worden waren. Auf Seiten der Polizisten wurde zu Protokoll gegeben, neben Jagdwaffen hätte es sich dabei auch um Kalaschnikows gehandelt, Kriegswaffen also. Ohne Zweifel aber ist dabei, dass wenn nicht alle, so doch die schiere Anzahl der folgenden Toten darauf zurückgehen, dass die Sicherheitskräfte – mittlerweile scharf bewaffnet – ihrerseits in die Offensive gingen.

Durch die Eskalation und die Toten des 20. Februar wurde in der Folge nicht nur die Regierung Janukowitsch hinweggefegt und ein enger „Vertrauter“ der USA auf den Posten des Premiers gehoben, sondern überdies das gesamte Land in den Bürgerkrieg geführt. Gewiss hatte niemand eine genaue Vorstellung von Putins Reaktion, doch dass es eine geben würde, muss auch denjenigen klar gewesen sein, welche die radikalen Demonstranten mit scharfen Waffen versorgt haben.
Der Hintergrund, die geopolitische Dimension dieses scheinbar lokalen Konfliktes, um das nicht unerwähnt zu lassen, ist der Kampf zwischen USA und Russland um Einfluss-Sphäre, die Ukraine ist in einem Stellvertreterkonflikt zerborsten. Die Nato und damit die USA, welche schon die baltischen Staaten unter ihre Flagge genommen haben, obwohl dies den Absprachen nach dem Ende des Kalten Krieges widersprach, rücken mit der Assoziierung der Ukraine nicht nur an Russlands territoriale Grenze vor, sondern dem russischen Bären konsequent auf den Pelz.

Petro Poroschenko, der jetzige Präsident der Ukraine, diente übrigens zeitweise unter der Regierung Janukowitsch als Außenminister und hat sich recht spät auf die Seite der Demonstranten gestellt. Überdies gehört auch er zur Kaste der Oligarchen, zu den Besitzern der Ukraine.
Arsenij Jazenjuk wiederum, der junge, frühzeitig kahl gewordene Premier, der im April diesen Jahres seinen Hut nehmen musste, war erst als Finanzberater tätig, bekleidete dann diverse Posten innerhalb der ukrainischen Zentralbank, bevor er über die Tätigkeit in allerhand amerikanisch-ukrainischen Stiftungen in die höchsten Sphären der Politik geraten ist. Im Gegensatz zu Klitschko, der musste sich mit dem Bürgermeisterposten von Kiew begnügen, wie es scheint auf Betreiben der USA, kein Witz.

Hier die Stimme von Victoria Nuland („Fuck the EU“), Assistant Secretary of State der USA, in einem mittgeschnittenen Telefonat mit Geoffrey Pyatt, Botschafter der USA in der Ukraine, noch bevor es zur Eskalation auf dem Maidan kam:

„I don´t think that Klitsch should go into the government. I dont´t think it´s necessary, i don´t think its a good idea (…) I think Yats (d.i. Jazenjuk) is the guy who´s got the economic experience, the governing experience…“

Nun, wieviel Macht muss man haben oder glauben zu haben, um dererlei Gespräche zu führen?

 

Link zu der von der BBC kommentierten Transkription des gesamten geleakten Telefonats…

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