Lehedzyne: Von ihrer Hände Arbeit

Der Sommer steht in großer Pracht, ausufernd ist die Vegetation und das Buschland ist am Anschlag, ein paar wenige Tage noch und es wird die Kraft verlieren, seiner eigenen Schwere nachgeben, fahl werden und zusammensinken. Die Ukraine südlich von Kiew ist keineswegs so flach, wie ihr nachgesagt wird. Das Land wellt sich wie ein achtlos hingeworfenes Bettlaken, mit dem Bus geht es lange Zeit erst schnurgeradeaus, dann in einer weiten Kurve langsam hinunter bis zu einem langgestreckten See oder halb zugewachsenem Flusslauf. Anschließend müht sich die Marshrutka in großem Bogen wieder hinauf, fährt wieder weiter gerade aus, bis hin zur nächsten Senke.

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Die Dörfer sind verstreute Ansammlungen von kleinen Bauernhäusern, die sich in den Niederungen inmitten üppiger Vegetation entlang der Ufer der Flussläufe und Seen hinstrecken. Meine Wegbeschreibung bestand aus einem Zettel mit den wichtigsten Ortsnamen in lateinischer und kyrillischer Schrift, so dass ich in die Lage versetzt war, Lehedzyne mit Bus und Marshrutka anzusteuern. Alles kein Problem und auch gar nicht so schwierig, wenngleich Yura es schon ein wenig sonderbar fand, dass ich mich von Kiew aus alleine auf den Weg machen wollte. Yura hatte mich eingeladen sein Haus zu nutzen, während er selbst auf Reisen wäre. Der Schlüssel sei bei der Nachbarin hinterlegt, Katja, 83 Jahre.

Allerdings war unsere gesamte Anstrengung darauf angelegt gewesen, mich sicher nach Lehedzyne zu lotsen, so dass mir erst vor Ort auffiel, dass ich keinerlei Informationen darüber hatte, wo das Haus sich denn genau befände. Nun sind ukrainische Dörfer alles andere als kompakte Einheiten, sondern strecken sich von der Durchfahrtsstraße aus in alle Richtungen, so dass sich die Bauernhäuser samt der dazugehörigen Felder auf gut und gerne sechs Kilometer Strecke verteilen. Vier Variablen gab es also, vier Feldwege, die ich einschlagen konnte: links oder rechts der Straße, sowie links oder rechts des Seeufers. Drei Stunden später, als ich endlich die Tür aufschließe, kennt mich bereits das halbe Dorf.

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Der erste Teil des Dorfes ist der reichere, denn dort gibt es fließend Wasser. Der zweite, der hintere Teil aber wird bewirtschaftet wie eh und jeh, das Wasser kommt aus dem Brunnen, Toilette und Bad sucht man in den pittoresquen Häuschen vergeblich. Auf den Feldern und in den Gärten wuchern die Kürbisgewächse, blühen noch im späten Sommer und kriechen über die Hänge, sich selbst überlassen und unendlich fruchtbar. Die Tomatenpflanzen explodieren förmlich unter ihrer Last, es leuchtet gelb, rot und violett aus den Vorgärten. Es gibt von allem zuviel, mehr als man gebrauchen oder einmachen könnte und weit mehr als sich verkaufen lässt.

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Mein Versuch, am frühen Abend im Magazin, im Dorfladen, das Nötigste zu kaufen, scheiterte kläglich, denn natürlich gab es dort das Nötigste nicht,  das hat ja jeder selber. Ich hätte mich mit Kefir, Brot, Bier und Schmierkäse begnügen müssen, wäre nicht noch der Nachbar vorbeigekommen, das einzige unversoffene Gesicht der männlichen Dorfbevölkerung, und hätte dieser mir nicht stolz seinen Handkarren voller Tomaten gezeigt und gesagt, ich solle doch zugreifen. Das habe ich gemacht, war jedoch wohl zu zaghaft, so dass er eingriff und mir das auflud, was ich grade noch trage konnte.

Anderntags kommt Katja vorbei und erkundigt sich, ob ich denn Kartoschka hätte. (Die Leser des Sommers in K. wissen was Kartoschka ist, die Quelle allen Lebens nämlich, die Garantie den Winter zu überstehen, das unentbehrliche Grundnahrungsmittel schlechthin, die Kartoffel!) Habe ich natürlich nicht, ich schäme mich dafür auch ein bisschen, aber woher sollte ich denn auch? Also rüstet mich Katja mit den überlebensnotwendigen paar Kilogramm aus, Katja, die etwas unzufrieden mit mir ist, weil ich einfach nicht verstehen will, die daher immer lauter mit mir wird, und den Kopf schüttelt, wenn ich zwar ein paar Worte verstehe, nicht aber den Zusammenhang. Ich revanchiere mich mit Dingen, die für Katja unerschwinglich sind, weil sie Geld kosten: mit einer Schachtel Pralinen, mit einer Tafel Schokolade. Ich bin mir sicher, dass sie diese nicht selber isst, sondern abwartet, bis die Enkel und Urenkel am Samstag einfallen und dann erst an den Schrank geht.

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Wladimir baut täglich am Straßenrand einen Stand voller Wasser- und Honigmelonen auf, in der Hoffnung auf vorbeifahrende Städter. Manchmal macht er sich die Mühe, auch Zwiebeln und Tomaten anzubieten, ebenso Knoblauch und Zucchinis. Täglich fahre ich die drei Kilometer zum Magazin mit dem Fahrrad, trinke einen Kaffee, schaue ob es wieder Kefir gibt und kaufe bei Wladimir ein. Das was er von mir haben will, ist beschämend wenig. Für eine ganze Wassermelone, eine Honigmelone, fünf, sechs Fleischtomaten, zwei Zwiebeln und eine Knoblauchknolle zahle ich noch nicht mal einen Euro. Jetzt erfahre ich auch den Grund, warum die Bauern nicht in die Stadt fahren, um dort ihre Ware anzubieten. Es geht nicht, das Benzin ist schlicht zu teuer. Die einzige Möglichkeit besteht darin, die Babuschka mit ein paar Tüten und dem Handwägelchen per Marshrutka auf die Reise zu schicken, so dass sie am Straßenrand ein paar Bund Dill, Bohnen oder Äpfel anbieten kann. Nicht aber die Melonen, die sind viel zu schwer, das lohnt nicht. Die Melonen bleiben auf dem Land und werden dort vom Straßenrand aus verkauft. Ungefähr 1000 Griwna kommen so im Monat durch aller Tätigkeit zusammen, das sind etwa 35 Euro.

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