Piatra Secuiului: Wandern im finsteren Tal

Weiß ich doch nicht, dass der über 1000 Meter hohe Felsbrocken Piatra Secuiului, dem ich mich auf matschigen Waldpfaden nähere, auch auf den Namen „Szeklerstein“ hört. Und ich habe doch keine Ahnung, wie steil und wie unangenehm der Abstieg in das Tal vom Rimetea werden wird. Zu ungenau, zu unzuverlässlich ist meine Karte. Ich folge einem alten Wanderpfad, der zwar noch auf Karten verzeichnet wird, jedoch nur unzulänglich markiert ist. Dieser Pfad führt nach Rimetea und nur deswegen gehe ich dorthin. Auf meiner Karte sind dort ein paar Pensionen eingezeichnet, es kann also trotz Regen nichts schiefgehen. Eigentlich.

In strömendem Regen laufe ich völlig verdreckt in Rimetea ein. Es ist bereits nach sieben Uhr abends und später als gedacht. Der Abstieg durch dunkle, nasse Buchenwälder war steil und mörderisch, weil sich überall Bächlein gebildet hatten und zu Tal schossen. Mehrmals landete ich auf dem Hosenboden. Trotzdem am Ortseingang erstmal ab in die Kneipe, logisch. Nachfragen, wie es stünde, um Pensionen und Preise. Doch dort sorgt man sich darum, dass ich überhaupt ein Quartier finde, weiter oben, im Zentrum. Ich verstehe die Welt nicht, es schüttet aus Kübeln, ich bin in irgendeinem Pissdorf mitten in den Bergen und die Karte weist mindestens sieben Pensionen aus: kleine schwarze Betten-Silhouetten, großzügig entlang der Straße verteilt. Da wird sich doch wohl noch ein Plätzchen finden für mich müden Wanderer!

Klinkenputzen. Bzw. an Tore klopfen, denn die Häuser sind allesamt Höfe. Pension Eins ist in einem solch schmucken wie schmalen Hof untergebracht: alles belegt. Pension Zwei ist nicht minder niedlich und ebenfalls voll. Doch das Biwakzelt auspacken, bei dem Wetter? Wo biwakieren? Doch nicht mitten im Dorf!? In der ebenfalls pittoresquen Pension Drei werde die Straße weiter hoch geschickt, ein paar hundert Meter, da wäre noch etwas frei. Ist es auch, zu meinem Glück, denn langsam wird es kühler und ich drohe in meinen nassen Klamotten anzufangen zu frieren. Der Herbergsvater mustert mich lange und gründlich, bevor er mich hineinlässt, in seinen gepflegten Vorgarten, in sein hölzernes Gästehaus.

Zwei weitere Gäste sind da und wie es scheint, nicht auf der Durchreise. Sie sitzen mit der Gastmutter und dem Herbergsvater auf der Veranda und sprechen ein Idiom, das mit Rumänisch nichts gemein hat. Ja doch, heißt es, sie sprächen Ungarisch. Rimetea sei hauptsächlich ungarisch. Und würde überhaupt Torocko heißen, auf Ungarisch. Die Stadt sei auf der Liste des Weltkulturerbes, aufgrund der Szeklerhöfe ( – also daher die vielen Gäste, deshalb alles voll!). Ich wisse doch, wer die Szekler seien? …nicht wirklich Ungarn aber doch ungarisch geprägt, diese frühen Siedler im Karpatenbecken. Der Berg, das sei der Szeklerstein, dort habe man jahrhundertelang das Eisenerz abgetragen. Auf Deutsch hieße die Stadt Eisenburg, das müsse ich doch wissen!?  Und ihr alter Name sei Trascau. Da wiederum käme der Name dieser Gebirgszüge her: Muntii Trascaului!

Oh heiliges Europa, oh bunte Welt! Welche Einfalt, von Nationen zu reden und Länder auf politischen Karten farbig verschieden zu halten, deutlich und unterschiedlich. Wo doch alles in einander übergeht, die eine Sprachgemeinschaft mit der anderen Tür an Tür wohnt und sich täglich austauscht. Wie dumm, dieses reiche, bunte Erbe nicht annehmen zu wollen, Europas Eigenart nicht zu erkennen. Morgen gehe ich hinüber in das nächste Tal, dort werden die Dächer mit Reet gedeckt, dort beginnt die Tara de Piatra (franz. pierre, span. piedra), das steinerne Land der Volksgruppe der Motzen.

 

PS.: Ich frage mich ob es überhaupt möglich ist, der UNESCO und deren Weltkulturwahn auszuweichen. Fast immer und fast überall, ohne dass ich darauf vorbereitet worden wäre, klebt irgendwo eine Plakette und erklärt etwas zum Erbe.

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