Stille Tage in Gjirokastra

Im Grunde lege ich kein übergroßes Interesse an den Tag, im Grunde wohne ich in Gjirokaster so rum, bin einfach da, probe ein weiteres Parallelleben und schaue was passiert. Früh morgens bin ich am Bazar, trinke dort einen oder zwei Kaffee. Meist treffe ich gegen zehn Kujtim und wir gehen spazieren, wenn man die steilen Gänge über und in die Hügel, in die verscheidenen Viertel am Hang, denn Spaziergänge nennen möchte.

Gjirokastra Burg

Kujtim (67, Elektroingenieur) erschließt mir Schritt für Schritt die Stadt, seine Stadt, wobei wir nicht besonders ehrgeizig sind. Wir steigen an einem Tag zum ottomanischen Zekate-Haus auf, das am Berg steht wie ein bleicher Elefant, am nächsten ins Viertel Dunavat, hoch über der Altstadt, und erst am übernächsten zur Burg hinauf. Gjirokaster, die Silberstadt, hat ihren eigenen Rhythmus, sie lässt sich nicht einfach in wenigen Tagen oder gar Stunden besichtigen.

Das Leben beginnt früh, der Muezzin singt zum ersten Mal schon um vier (er singt wirklich, er singt schön, er singt sich in meinen Schlaf, in meine Träume hinein), noch vor sieben füllen sich langsam die Cafés, ab halb acht pilgern die Schüler zur Schule, die Sonne gewinnt ungemein an Kraft, die weißen Steine strahlen, das Pflaster glänzt. Gegen zwölf kehrt Ruhe ein, gegen drei beginnt die zweite Tageshälfte. Und abends, abends ist es Pflicht sich sehen zu lassen, auf die Straße zu gehen, den Giro zu machen, der in Gjirokaster kurz ausfällt, weil nur eine Straße dafür in Frage kommt und man sich irgendwo niederlassen kann, weil man sowieso alle trifft. Die alten Männer haben Vorrechte, dürfen sich an besondere Tische setzen, ihren Raki auspacken und vielleicht ein wenig Käse aus Zagoria, eine Tüte Chips, und den Ausländer dazuladen, den Deutschen, der aus dem Berg kam.
– Ich sei ja immer noch da, worauf ich denn warten würde?
– Auf den Regen, will ich sagen, auf Ismail Kadares Regen!

Gjiro3_kutjim1

Kujtim: Gezuar, mi shoq!

Aber während ich darauf warte, dass vielleicht der Regen kommt, die Steinpyramiden der Dächer hinabläuft und auf den wuchtigen, steilen Straßenpflastern zu Bächen anschwillt, hinab schießt am Bazar vorbei, vorbei am Hotel Sopoti, am Restaurant Mapo, zu Tal, zum Fluss – da wird es Sommer, da steigen die Temperaturen, da wölbt sich ein heißblauer Himmel hoch über der steinernen Stadt. Die Pinien duften, das Meer ist weit, die mächtige Lunxhëria-Kette gegenüber verschwimmt im Dunst, es flirrt die Luft. Kujtim und ich steigen von der Burg aus ab und kehren unterwegs ein auf ein frühes Bier. Anschließend gehen wir über den Bazar in die Stadt zurück, trennen uns, er geht nach Hause und ich in das bald hundertjährige Hotel Sopoti, in dem ich an der Mehrzahl der Tage ganz alleine residiere, weil es von der Zeit überholt wurde und den Luxus, dessen die Touristen heute bedürfen, im Gegensatz zu den neueren Hotels nicht bieten kann.

Hotel Sopoti Gjirokastra

Aufenthaltsraum, Hotel Sopoti, Gjirokastra

Nachmittags bin ich wegen Wlan und strategischer Lage meist im Restaurant Mapo, das seinen Namen vom ehemaligen magasin popullar hat und in dem ein Verwandter Enver Hoxhas über zwei Kellner wacht. Am ersten Abend habe ich dort noch gegessen, gut gegessen, das darf ich jetzt aber nicht mehr, weil Kujtim mich dort eines Vormittags mit einer Portion Xaxiqe (gr. Zaziki) erwischt hat, die selbst mir für 200 Lek nur wenig großzügig bemessen zu sein schien. Stattdessen werde ich im Flora eingeführt, Kujtim nennt es ein „Mikrorestaurant“ und gibt mir höflich zu verstehen, das man dort noch zu kochen wisse. Und ja, das weiß man! Als ich zu lange über die Karte schaue, weil ich die Gambas und die gegrillten Sardinen dort nicht finden kann, deren Überreste ich jedoch draußen, auf dem privaten Tisch der Familie gesehen hatte, da nimmt die Dame des Hauses das Heft in die Hand und beschließt, eine Kombination zu servieren. Aus allem. So einfach kann das sein. Ausnahmsweise poste ich ein Bild von Tellern. Das große Glas ist ein Wasserglas, das kleine der Raki. Den habe ich nicht bestellt. Der kam von ganz alleine.

Gjiro3_Teller1

PS.: Während ich diesen Beitrag schreibe, hole ich übrigens die Erlaubnis ein, Kujtims Bild zu publizieren. Von dessen Sohn, der mir berichtet, jetzt sei seine Mutter, Natasha, aber ein bisschen eifersüchtig, weil Kujtim so gut weg kommt, und das Byrek, das byrek me llalle, das sie mir eingepackt hat, auf dass ich nicht ins Restaurant müsse, nicht mal erwähnt wird. Das ist falsch, es wird erwähnt, das hervorragende Byrek, ganz am Ende des Artikels im Postskriptum! Last, but not least.

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